Sonntag, 1. Oktober 2017

Die Uhr - III


Schließlich beschloss ich etwas zu unternehmen, und fuhr mittags, als die Kinder noch im Kindergarten und mein Mann noch auf der Arbeit war los, um meine Mutter zu besuchen. Sie war dieses Jahr 72 geworden und ich fing an mir um sie sorgen zu machen und sie schneller zu vermissen. Vor allem brauchte ich aber Ablenkung und ein Besuch bei meiner Mutter würde sicher gut tun.
Ich fuhr ungeduldig auf die Autobahn und hielt an der ersten Tankstelle, um mir Zigaretten zu kaufen. Eigentlich rauchte ich nicht. Nachdem ich im Raststättenrestaurant noch einen Wein getrunken hatte, ging ich zurück an mein Auto und fuhr los. Kurz vor der Auffahrt zurück auf die Autofahrt stand ein Mann mit ausgestrecktem Daumen. Obwohl er viel älter war, schien es mir als stünde dort wieder der Junge von vergangener Woche. Ich hielt an, bat ihn herein und mein Herz fing erneut an zu rasen. Mir kam es vor als duftete er genauso wie Fabian und ich suchte aufgeregt nach Ähnlichkeiten zwischen den beiden. Wir fuhren eine Weile schweigsam nebeneinander im Auto sitzend auf der Autobahn und doch durchströmte mich wieder dieses Gefühl einer besonderen Fröhlichkeit, Freiheit und das Rebellische, dass Fabian und Carla an sich hatte schien sich unter meine Haut zu schleichen. „Du siehst hübsch aus.“, sprach er mich plötzlich von der Seite an. Dieses direkte Kompliment überraschte mich, aber ich setzte seinen etwas rauen, beinah ekelhaft anmachenden Tonfall sofort mit Fabians ruhiger, leicht ironischer Stimme gleich und so schlug mein Herz nur noch ein Stückchen schneller. Er legte seine linke Hand auf meinen Oberschenkel und strich langsam über meine Jeans. Für mich war es aber nicht dieser nach Schweiß riechender Mann, sondern Fabian, der mich berührte, und als seine Hand zwischen meinen Beinen war, stöhnte ich kurz und leise an Fabians lebendig funkelnde Augen denkend auf. Er küsste mir den Hals, biss mir kräftig, dass es ein bisschen wehtat, in meine glatte, weiße Haut und bat mich an die Seite zu fahren. Ich lenkte schnell zur Seite, hielt an, schaute in seine Wahnsinnigen Augen, in denen ich aber nichts als Fabian und das Gefühl diese ewig sich falsch drehende Uhr anzuhalten sah und küsste ihn feste auf den Mund. Er nahm meine Hand, führte sie in seine Hose und an seinen Schwanz. Wir küssten uns heftig, er zog mir unsanft mein Oberteil aus, seine Hände umfassten meine Brüste, öffnete meine Hose, zogen mich zu ihm herüber. Bald war ich nackt, saß schwitzend auf seinem Schoß und war benebelt in meine Phantasie von Fabian verloren, während er kam. Seine Hände wanderten langsam an meinen Hals, er Schrie vor Lust und mir wurde langsam schwindelig, als seine Hände langsam fester zudrückten. Vor mir malte sich das Bild eines Lebens, dass ich hätte gelebt haben können ab. Ein Leben ohne bürgerlicher Kälte, ein warmes rebellisches Leben, das versuchte die Zeiger dieser Uhr mit den Händen gegen die Richtung der endlos vielen Zahnräder zu drücken. Doch mein Körper lag leblos auf dem Asphalt der Autobahn, während er mit dem Auto weiterfuhr.

Samstag, 30. September 2017

Die Uhr - II

Als Anna ihr Auto in der Garage abstellte, ausstieg, ihre Kinder und ihren Mann hörte und ihr gemeinsames Haus sah, wirkte alles ernüchternd auf sie und brachte sie zurück in die Realität. Aber diese Realität kam ihr plötzlich ein Stückchen enger und kleiner und nicht mehr so endgültig vor, als gäbe es noch viele andere neben ihr. Anna war eine Woche auf Geschäftsreise gewesen und ihre zwei kleinen Kinder, das jüngere – Timo – konnte gerade erst laufen, stürmten auf sie zu. Ihr Mann kam mit seinem gewöhnten spöttischem Lächeln und den großen funkelnden Augen, aus denen eine unbeschreibliche Unschuld strahlte, auf sie zu, küsste sie sanft auf den Mund und hielt ihr ein kleines Kästchen hin. Anna öffnete es. Es war eine neue Uhr. (In der ersten Nacht im Hotel war ihre alte Uhr geklaut worden.) Es war eine Bruno Söhnle Uhr, mit einem Armband aus dunkelbraunem Kalbsleder, sowie silbernem Ziffernblatt und Zeigern und mit schwarzen Buchstaben und Zahlen. Anna murmelte nur kurz danke, sie fühlte sich plötzlich unglaublich müde und von der Reise erschöpft. So ging sie also in ihr Zimmer, zog sich ihre Klamotten aus, öffnete ihren BH, legte ihn über einen Stuhl und kroch nur in Unterhose unter die warme Decke ihres weiß bezogenen Ehebettes.
Den darauffolgenden Tag war Anna krank. Nichts schlimmes, aber die konnte nicht arbeiten gehen und fühlte sich beständig müde und hatte Kopfschmerzen. Sie kümmerte sich etwas um Timo und Anuschka, aber verlor meist nach kurzer Zeit die Lust an ihnen. Sie beschloss etwas zu lesen, doch der Krimi aus der Serie, die sie liebte erschien ihr langweilig und unsinnig. In der Hoffnung sich etwas zu zerstreuen ging sie an den Schrank und nahm ein paar verschiedene Schmerzmittel. Dann ging sie in den Keller und und holte aus einem alten, staubigen Bücherregal Die Kunst des Liebens von Erich Fromm heraus, setzte sich in den Sessel im Wohnzimmer und begann zu lesen. Während sie so las, dachte sie zurück an ihre gestrige Autofahrt, an die beiden jungen Menschen, an Fabian und fühlte sich etwas wohler. Als ihr Mann nach Hause kam, trank sie zum Abendessen ein Glas Wein, nachher auf dem Sofa mit ihrem Mann noch zwei Gläser und vor dem Schlafengehen nahm sie eine Schlaftablette, weil sie fürchtete unangenehmen Gedanken nachzuhängen. Eine Woche lang blieb Anna so zu Hause, fühlte sich unwohl, müde und von ihrem Mann und ihren Kindern seltsam entfremdet.

Freitag, 29. September 2017

Die Uhr - I

„Nimmst du uns mit? Frankfurt am Main.“
Zwei junge Menschen standen an meiner runter gekurbelten Autoscheibe auf der Beifahrerseite. Ich weiß nicht genau, wieso ich angehalten hatte. Hitchhiking erschien mir immer als eine merkwürdige rebellische Attitüde, die ich vor allem für gefährlich und zu unkonventionell oder proletarisch hielt. Aber dieser Junge hatte etwas an sich, dass ich schon im Fahren langsamer wurde, als ich ihn nur gesehen hatte, ohne zu wissen, dass er etwas von mir wollte. Dann, als ich sah, dass er seinen Daumen raus gestreckt hatte und offensichtlich darauf wartete, dass ich anhalten würde, hielt ich. Ich ließ das Fenster herunter. Dann kam diese Frage, die ich hätte erahnen können und gleichzeitig nicht erwartet hatte. Ich fühlte eine Art längst vergangener Aufregung und mein Herz klopft. Seine Stimme war warm. Seine großen Augen langen ruhig auf meinem Gesicht und der selbstsichere, kecke Ton seiner Stimme klang noch nach, während ich schüchtern und verlegen antwortete er könne einsteigen. „Wir sind zu zweit, dass passt Ihnen?“, seine Augen funkelten und es lag eine leichte scherzhafte und kaum zu bemerkende Ironie in seinem Tonfall. „Ja, natürlich.“ Ich hatte seine Begleiterin ganz vergessen. Mein Herz raste, als diese beiden Fremden die Türen meines Autos öffneten, ihr Gepäck in meinen Kofferraum schmissen und nach dem Einsteigen die Türen zuknallen ließen. Er saß vorne, neben mir auf dem Beifahrersitz, sie hinten, hinter ihm. Ich starrte nach vorne, beide Hände am Lenker und wagte nicht zur Seite oder nach hinten und ihn oder sie anzuschauen, spürte aber seinen Blick, wie er erneut mit dieser Mischung aus Selbstbewusstsein und kecker Ironie auf meine Gesicht lag. Bis ich begriff, dass ich mit den Händen am Lenker, nach vorne starrend in meinem Auto saß, aber noch nicht losgefahren war. Ich legte hastig den Gang ein und fuhr unsicher, aber dann zunehmend aus meiner Zerstreuung aufwachend selbstsicherer los. Es entwickelte sich ein vorsichtiges Gespräch. Ob ich so was öfter tat – ich verneinte; wo die beiden herkamen – Leipzig; ob ich auch nach Frankfurt müsse – nein, Koblenz zu meiner Familie. Die beiden waren auf dem Weg nach Frankfurt, zu einer Tagung gegen Antisemitismus. ‚Schon wieder so ein Begriff, der von rebellischer, unkonventioneller Art zeugt und politisch viel zu aufgeladen ist.“, dachte ich. Etwas gegen den Begriff Antisemitismus zu haben, zeugte nicht von irgendeiner besonderen, den beiden vielleicht entgegengesetzter, politischer Einstellung. Vielmehr interessierte ich mich nicht besonders für Politik, außerhalb der wichtigsten europäischen und allgemein etablierten Politik. „Ist den Antisemitismus noch ein relevantes Problem?“, fragte ich. Ich spürte, dass sie von der Frage genervt war, er jedoch antwortete völlig ruhig: „Von Antisemitismus oder zumindest strukturellem Antisemitismus sind wir tatsächlich täglich umgeben. Dabei meine ich nicht nur offensichtlich antisemitische Aussagen von zum Beispiel rechten Politikern oder Nazis, sonder vor allem von – und das ist das große Problem – sich als links bezeichnende Kapitalismuskritikern. Großunternehmer oder führende Politiker mit Hakennasen und Vampir-Zähnen dazustellen, Bänker verteufeln, Machthaber mit Spinnen oder Kranken vergleichen oder diverse Verschwörungstheorien, all dass greift meist auf offensichtlich antisemitisch Vorurteile, oder Bilder zurück.“ Die Worte die er benutzte, Kapitalismus, Nazis, Großunternehmer, hätten mich in jedem anderen Gespräch, mit jedem anderen Diskussionspartner, die Diskussion beenden lassen. Sich über Nationalsozialisten und Kapitalismus zu unterhalten war mir so fremd, so abwegig. Aber bei diesem Menschen, bei der Art und Weise, wie seine Stimme klang, wie er mit den Betonungen spielte, mit der Ehrlichkeit und Lebendigkeit, die seine Worte beflügelten und zuletzt dieses Funkeln in seinen Augen immer, wenn ich zu ihm herüberblickte, ließen mich an seinen Lippen hängen. Ich verzehrte förmlich die Worte, die er sprach. Ich verstand, was er sagte und er überzeugte mich, aber es war viel mehr das Farbenspiel, dass er durch seine Anwesenheit, seine Bewegungen und Stimme vor mir ausbreitete, als die Worte selbst oder der Sinn seiner Rede, auf das ich achtete. „Wie alt seid ihr zwei eigentlich?“, fragte ich, bemüht sie mit in das Gespräch einzubinden und einen freundlichen Eindruck zu machen. Er war 21, sie war 20. Ich wusste nicht genau, was es mit diesem Jungen auf sich hatte, was mich zu dieser Zerstreuung und Verlegenheit brachte, die ich spürte, seitdem ich ihn an der Tankstelle stehen sah, die sich zunehmend verstärkte, so länger er neben mir saß. Aber er hatte eine Art zu sprechen und die Worte die er sprach verleiteten mich unwillkürlich dazu ihn weiter reden hören zu wollen und mein bisheriges Leben in Frage zu stellen. Diese beiden Menschen rührten ein Gefühl von Fröhlichkeit und Aufregung in mir auf. Aber das Gefühl einer höheren Zufriedenheit und einer Art Bedeutung. Ich hatte einen Mann, zwei junge Kinder, behielt mir aber meine Berufstätigkeit bei und reiste geschäftlich viel in der Welt herum. Ich hatte viele Freunde, ging gelegentlich in die Oper und traf einflussreiche Menschen auf Diners. Wir hatten ein schönes Haus in Koblenz gekauft und lebten ein vergnügtes Leben. Mein Job nahm viel Zeit in Anspruch aber er machte mir Spaß und ich empfand ihn als wichtig und richtig. Nie hatte ich darüber nachgedacht, dass es ein falsches Leben sein könnte, das ich führte. Aber diese Menschen weckten in mir das Gefühl, dass ich ein Zahnrad in dem Getriebe einer großen Uhr war. Vielleicht kein unbedeutendes Zahnrad, quasi ein großes, glückliches Zahnrad, aber das Zahnrad einer Uhr, die sich in die falsche Richtung drehte, ohne dass es jemand bemerkte. Und ich hatte meinen Anteil daran, und schien nicht nur nicht zu merken, dass sich die Zeiger auf dem Ziffernblatt verkehrt bewegten, sondern hatte mir – was viel schlimmer war – offensichtlich noch nie Gedanken darüber gemacht wohin sie sich überhaupt drehten.
Die weitere Fahrt über lachten wir viel, sie erzählten mir Geschichten ihrer Reise, ich ihnen etwas von meinem Beruf. Meinen Körper durchfloss fortwährend dieses Gefühl der Wärme und des Glücks, dass du spürst, wenn du mit wildfremden Menschen eine tolle Zeit verbringst. Die anfängliche Angst, mein Zögern und meine Vorurteile gegen Hitchhiking verschwanden langsam und waren schließlich, als wir im Baumweg 10 in Frankfurt ankamen, völlig verschwunden. Die beiden bedankten sich, nahmen ihre Rucksäcke und Taschen aus dem Kofferraum und mit dem Zuknallen der letzten offenen Tür waren sie verschwunden. Jetzt war ich allein mit dem Geräusch des Motors in meinem Auto. Ich fühlte mich eigenartig lebendig und als ich losfuhr legte ich eine alte CD ein, die ich lange nicht mehr gehört hatte und ließ mich von der Musik treiben. Nur das Bewusstsein diesen jungen Menschen nicht mehr wiederzusehen quälte mich ein wenig. Aber sanft und unbestimmt. Ich war froh Fabian und Carla mitgenommen zu haben und rekapitulierte unsere gemeinsame Fahrt, bis ich in Koblenz ankam.

Donnerstag, 28. September 2017

Hallo Menschen,

ihr habt wieder eine Weile nichts gehört, da ich gerade mit einer Hausarbeit und mehreren Kurzgeschichten beschäftigt bin. Eine der Kurzgeschichten ist letzte Woche fertig geworden und ich würde sie euch gerne präsentieren. Die Kurzgeschichte trägt den Namen "Die Uhr" und ist in drei Teile - I, II, III - unterteilt, die ich in den nächsten Tagen posten werde. Lasst euch nicht davon verwirren, dass die Teile ebenfalls, wie die Bilder mit römischen Zahlen beginnen. Ich freu mich über jedes Feedback und entschuldige mich für bisher unbeantwortete Kommentare.


Liebe Grüße

Jan

Dienstag, 19. September 2017

XIII – DER BLICK


Ein Zimmer. Man unterhält sich. Gedimmtes Licht. Vielleicht einige Kerzen. Oder eine Lichterkette? Musik, aber leise und ruhig, dass man einander versteht. Und inmitten dieser Gespräche, schauen sich zwei der Menschen, nach einem eben gesprochenen Satz an. In die Augen. Für niemanden war der Satz wichtig, niemand hat wirklich auf ihn gehört, alle reden und lachen weiter. Nur diese zwei Menschen sind für einige Augenblicke wie eingefroren. Und ihre Blick zeigen sich gegenseitig, dass beide genau wissen, was der andere denkt. Momente, Erinnerungen, Gefühle, Gedanken, Bilder, Szenen, die beide erlebt haben tauschen sich zwischen beiden aus. Mit diesem einen Blick, in diesen wenigen Sekunden, die sie sich anschauen. Niemand wird es bemerkt haben, für niemanden spielt es eine Rolle. Aber diese Blicke erscheinen manchmal, wie das Erstaunlichste, wozu der Menschen fähig ist. Diese wenigen Sekunden, die eine Bedeutung haben, die sich außer der sich Anschauenden niemand vorstellen kann.

Sonntag, 17. September 2017

XII - Der Quäler


Auf einer Lichtung bei Nacht stehen zwei Männer und eine Frau, alle in dunklen Klamotten. Einer der Männer ist mit dicken braunen Seilen an einen Baum gebunden und schreit laut vor heftigen Schmerzen, dass seine Stimme schrill durch den Wald schallt. Der andere Mann hält der Frau eine Zange hin. Der Zangenkopf ist aus dunklen Metall und schon halb verrostet, die Griffe sind aus rotem Plastik. Die Frau zögert kurz, nimmt dann aber entschlossen die Zange und ihre eben schüchternen Augen fangen an zu leuchten. Sie nähert sich mit ihren vollen roten Lippen, ihrem sanften, spitzen weißen Gesicht den Lippen des an den Baum gefesselten Mannes, küsst ihn vorsichtig, als er erwidert fester und lustvoll. Dann zieht sie ihr Gesicht plötzlich zurück, umfasst mit ihrer linken Hand seinen Kiefer, hält ihn fest, steckt die Zange in seinen Mund und packt mit ihr seine Zunge. Sie drück feste zu und ihr Blick schreit vor tiefer Lust und Gier, als er laut weinend und schmerzverzerrt zu schreien beginnt. Sie zieht fester an der Zange, bis sie endlich die Zunge aus dem Mund des Mannes reißt. Seine Augen sind wie die eines Wahnsinnigen aufgerissen, er will erneut schreien, aber kein Ton entspringt seinem Mund. Der dritte Mann lächelt voll Genugtuung, als er sieht, wie die Frau vollkommen entfesselt ihre ganze Freiheit und Macht spürend zuerst mit dem verrosteten Metall der Zange auf des gefesselten Gesicht einschlägt, ihm dann die Augen mit ihren Finger aussticht, dass ihre Hände und Arme bald blutüberströmt im Mondscheinlicht dunkelrot schimmern und sie ihn schließlich, mit Fäusten, Knien und der tödlich mit ihren Händen sehnsüchtig und gierig umfassten Zange, als wollte sie sie nie wieder verlieren, den Mann zu Tode prügelt, bis sein Leichnam leblosen in den Seilen hängt. Sie reißt nochmals sein entstelltes Gesicht an ihres heran, fühlt den gebrochenen Kiefer, sieht die leeren, kaputten Augen, die selbst nichts mehr sehen und zwingt den toten Lippen einen Kuss auf, den sie genießt, wie sie noch nie in ihrem Leben etwas genossen hat. Die Vögel die nachts in ihren Bäumen sitzen und das Mondscheinlicht genießen stimmen gemeinsam ein Lied an:
Über allen Wipfeln ist Ruh
In den Gipfeln spürst du
Kaum einen Hauch.

Sonntag, 10. September 2017

XI

Mittlerweile sind wir zwei nicht mehr alleine. Wir sind viele geworden. Wir sitzen um ein kleines Lagerfeuer, die Flammen wärmen die um uns herum und sich immer wieder an uns heranschleichende Kälte auf, lassen uns gegenseitig uns und unsere Gesichter erkennen. Man kann abwechselnd und durcheinander unsere Münder auf und zu gehen sehen, während wir diskutieren und jeder Beitragen will. Dazu trinken wir Rotwein. Ich liege, meinen Kopf auf den kalten Boden gelegt und starre in die Tiefe des Sternenhimmels. Man kann die Milchstraße sehen, einzelne Sternbilder erkenne ich wieder, aber das interessiert mich nicht. Es ist das ganze Bild und während ich mich ganz in diesem Bild verliere, komme ich mir so unendlich klein vor; lenke ich meinen Verstand dann wieder auf die gesprochenen, manchmal halb geflüsterten Worte, werde ich mir wieder meiner Selbst und dem Leben bewusst. Es ist eine feine Ambivalenz. Hin und wieder ertaste ich ihre Hand und ohne uns anzuschauen fahren wir gegenseitig über unsere Haut, und fühlen die uns längst bekannten Unebenheiten. Das Feuer, die uns umschließende Kälte, der Sternenhimmel, ihre Berührungen. Ich lächele, als ich mir vorstelle das uns am Feuer sitzend und all diese Einzelheiten beobachtend jemand zuschaut. Mir ist nicht bewusst, dass diese von außen schauenden Betrachter nicht weit entfernt stehen. Aber sie sehen nicht die Einzelheiten, die ich sehe und kommen langsam näher. Wie immer dunkel gekleidet, mit Helmen, Schutzweste und Schlagstock. Doch wir sehen es nicht und lachen noch ein paar Sekunden vor uns hin.

Donnerstag, 7. September 2017

X


Es ist dunkel. Langsam hörst du das Geräusch der Ursache, dann die Wirkung: langsam aufhellendes Licht, dass im Spot die Mitte der Bühne halbhell erleuchtet. Dann Musik. Heftige Klaviertöne, überwältigen langsam deine Gedanken, schmiegen sich an dich, lassen dich wieder los, wie in einem Tanz. Ziehen dich hoch von deinem Stuhl, packen dich an deiner linken Schulter, ziehen an ihr, dass du dich drehst. Ein Akkord greift deine rechte Hand, der nächste zieht dich wieder ran, die Melodie streichelt über deinen Kopf hinweg, du neigst deinen Kopf nach hinten um mit deinem Blick ihr zu folgen. Ihr seid in diesem Tanz gefangen, die Musik gibt den Takt vor, sie führt dich, dreht dich, überwältigt dich, du bist frei, du schreist und lachst. Du weinst als tiefe Töne sich im Melodieverlauf zu Mollklängen verbinden, du lachst glücklich, als die Musik deine Trauer davon spült, du fühlst Katharsis. Die Musik führt dich langsam zu Boden, dann wieder hinauf, und zurück auf deinen Stuhl, wo du schwer atmend sitzen bleibst. Auf der Bühne im hellgrünen Licht hat Sie begonnen zu tanzen. Zunächst nur mit ihren kleinen Füßen, das Kleid mit zwei zärtlichen Händen leicht angehoben. Es ist weiß. Das spielt eine Rolle. Dann beginnt sie sich zu drehen, springt in die Höhe, der Tanz beginnt, wie der deinige. Sie lacht, sie weint, die stöhnt, von der Musik geführt, im Raum hin und her geworfen. Nur diesmal darfst du zusehen, dein Blick zieht immer mehr in sich hinein, nimmt alles auf, schaut unter ihr Kleid, als es vom Wind hochgewirbelt wird. Du verlierst dich in ihren Augen, ihr braunes Haar umspielt dich, kitzelt dich, ihre Hände berühren dich. Bei ihrem nächsten Lachen lachst du mit. Sie springt in die Höhe, kommt leichtfüßig wieder auf, bei ihrem nächsten Weinen, weinst du mit. Sie zieht ihr Kleid absichtlich etwas höher, als es notwendig wäre, um nicht darauf zutreten als sie tänzelnd einige Schritte macht um sich wieder zu drehen, bei ihrem nächsten Stöhnen, stöhnst du mit. - Du machst die Musik nicht aus, als du auf die Bühne steigst, um das Kitzeln ihrer Haare und die Berührung ihrer Hände wahr zu machen. Du umfasst sie, ziehst sie zu dir und ihr Kleid langsam aus, küsst sie. Du weiß nicht, ob sie es will, aber die Musik scheint es von dir zu wollen. Du weißt in dir, dass du es bist, dein Verlangen, deine Liebe, dein Trieb. Jetzt hat ihr weißes Kleid rote Flecken, es hat eine Rolle gespielt und du gehst zufrieden schlafen.

Montag, 4. September 2017

IX

Du stehst am weiten im Sturm empörten Meere. Die Natur ist in stürmischer Bewegung; Hell-dunkel durch drohende schwarze Gewitterwolken; ungeheure nackte, herabhängende Felsen, welche durch ihre Verschränkung die Aussicht verschließen; rauschende, schäumende Gewässer. Häuserhohe Wellen steigen und sinken gewaltsam gegen schroffe Uferklippen geschlagen, spritzen sie den Schaum hoch in die Luft, der Sturm heult, das Meer brüllt, Blitze aus schwarzen Wolken zucken, Donnerschläge übertönen Sturm und Meer und Wehklage der durch die Schluchten streichelnden Luft. Und wie du dort stehst wird dir das verschwindende Nichts, dass du bist schmerzlich bewusst. Die ganze Nichtigkeit deiner Individualität trifft dich, wie der noch eben ohrenbetäubende Donnerschlag des dich umschließenden Gewitters. Die Größe, Zerstörungswut und -kraft der Natur, hält dich in den Händen, du bist ihr preisgegeben, abhängig und hilflos. Aber was hab ich zu verlieren, als das mir gerade jetzt bewusstwerdende nichtige Dasein als Individuum, wenn ich als Ausgleich für wenige Augenblicke Träger dieses Anblicks sein kann?

VIII


Ich sitze auf meiner Fensterbank. Eine Zigarette in meinem Mund, Musik aus meinen Lautsprechern schwebend und starre müde über die Straße mir gegenüber. Der Lärm, bei jedem vorbeifahrendem Auto ist ohrenbetäubend. Ein Auto nach dem anderen, kein Augenblick Ruhe. Kein Augenblick der Stille. - Nur Lärm. Ich brauche keine Angst zu haben, dass mich jemand so sehen könnten. Ich beobachte die vorbeilaufenden Menschen. Wie sie genau wissen, wo sie hinlaufen. Wie sie genau wissen, in welcher Geschwindigkeit sie Schritt für Schritt Fuß vor Fuß setzten müssen, um anzukommen. Wie ihre Gedanken von dem bevorstehenden Termin eingenommen sind. Ihre Blicke starr nach vorne, ihre Konzentration gefasst und ihre Gedanken in sinnlose Schleifen blickend. Diese Leute, die an meinem Fenster vorbeigehen. Diese Menschen in den Autos. Dieser Lärm und Gestank. Und trotzdem, trotzdem plagt sie kein unangenehmer Gedanke. Sie laufen geradewegs geradeaus, unbekümmert oder besser nichtbekümmert, denn es gibt kein Kümmern, nur Tätigkeit, denn das reine Glück hebt jegliches Glück auf. Für glückliche Menschen gibt es kein Glück mehr. Und ich sitze hier mit meiner Zigarette, höre den Lärm, sehe die Menschen, spüre die Musik und die Leidenschaft bringt mich um.

Freitag, 1. September 2017

VII


Vor den beiden lag ein großer See. Die sich ankündigende tief orangene Abendsonne zeichnete Bäume, Sträucher und die tief blaue Reflexion des halb -nacht Himmels auf dessen Oberfläche. Der See war spiegelgleich, eben und kaum eine Welle malte sich auf ihm ab. Fast schon zu glatt, wie von Menschenhand gemacht. Als hätte man alles, das Unruhe auf diese Oberfläche bringen könne versiegelt und getötet. Das Bild stand also im Widerspruch zwischen Lebendigkeit, naturbelassener Schönheit und gewollter, menschlicher Perfektion, als wäre es in Wirklichkeit tot. Und diese menschliche Perfektion, diese spiegelglatte Oberfläche wurde jetzt durchbrochen, als die beiden sich auszogen, in den See sprangen und sofort heftige Wellen in diese endlose Ruhe brachten, das Wasser heftig aufwühlten und wiederbelebten, als erwachte es aus einem endlosen Schlaf. Vor ihrer Nacktheit sich schämend blickten sie sich lange nicht an, blieben Unterwasser, schwammen und starrten um sich herum, künstlich ihre Blick in die Weite schweifen lassend. Bis sie vorsichtig und schüchtern lächelnd aber mit ihren Blicken gierig die bloße Haut des jeweils anderen verschlungen und in sich aufnahmen. Sie schwammen ein Stück, kamen sich näher, berührten sich, - trieben endlich die Wassermassen auseinander um ihre Körper aneinander zu pressen. Sie lachten, lösten sich voneinander, bespritzten sich mit Wasser. Und beide spürten den bebenden Widerspruch zwischen Leben, Lust und Liebe gegen die Angst, die beide tief in sich spürten, das unüberwindbare Bewusstsein der Grenze, die sie überschritten hatten. Und am Ende trieben sie beide wie zwei Tote im Wasser. Ja, man hätte sie für Leichen gehalten und für Leichen halten wollen, trotz und gerade weil sich sich in diesem Moment so lebendig fühlten, wie noch nie.

Donnerstag, 31. August 2017

VI


Ich sitze in einem großen Zelt. Eine bunte Discokugel dreht sich schnell und erzeugt ein unruhiges Bild. Meine Gedanken fliegen hin und her geworfen vom Takt der neben mir spielenden Gitarre. Der Rauch meiner Zigarette streichelt zärtlich an die Zeltdecke aufsteigend mein Gesicht, während Rotwein meine Lippen, Zunge und Kehle benetzt. Ich weiß, was ich tue, ich bin mir allem bewusst, ich weiß, was ich tue, dass es verboten ist. Aber was ist ein Gebot als ein Zeichen einer – vielleicht bald vergangenen – Zeit. Dennoch wird mir schwindelig, die heftig hervor strömenden Wörter, meines Kopfes sprudeln schneller werdend, drängen auf Papier gebracht zu werden und mir wird übel. Will ich mich schlafen legen? Nein, ich stehe auf, bewege mich langsam rasend werdend durch das Zelt. „Was ist?“ Ich antworte nicht und trinke noch einen Schluck. Es macht es schlimmer. Vernebelt, düster und unklar werden meine Gedanken. Ist das Rausch? Wo ist die Musik? Macht die Lichter aus! Zündet Kerzen an! Wo ist sie? Dann sinke ich stumm zu Boden. Ich wollte zu Boden sinken.

Dienstag, 29. August 2017

V


Wir liegen zu zweit dicht aneinander zwischen Decken und Stoffen, halb angekleidet in meinem Bett. Draußen hört man den Lärm der Innenstadt und großen Straßen durch das halb geöffnete Fenster. Eben hatte wir noch zärtlich uns vorsichtig unsere Körper gestreichelt, die Stellen, wo sich unsere nackte Haut zeigte und Gänsehaut durchfuhr wieder und wieder meinen Rücken, Arme und Schultern. Jetzt hatte sie ihre Augen geschlossen. Ihre Hand lag auf der Innenseite meines Unterarms, umfasste ihn zärtlich und leicht, ihr Kopf lag auf ihrem zweiten Arm. Mein Gesicht war dem ihrem so nah, dass es gerade reichte, ihres scharf und in Gänze zu sehen, ohne mit den Augen zu sehr mich anstrengen zu müssen. Dann zuckte ihre auf meinem Arm liegende Hand kaum merklich und ich wusste sie würde bald einschlafen. Sie schlief schnell ein, das erste Anzeichen war immer ein kurzes Zucken. Ein zweites Zucken, kurz danach, ihr Atem wurde ruhig und gleichmäßig, ihre Augen waren schon lange geschlossen. Meine lagen auf ihrem Gesicht versucht, die Form, die Farben, ihre Haare, ihre Augenbrauen, ihre Lippen ganz aufzunehmen, ganz zu begreifen und mir kamen Zeilen und Verse in den Kopf, sie dichtend zu zeichnen - als sie plötzlich ihre Stirn in Falten legte. Nur für einen kurzen Augenblick, dann war ihr Gesicht wieder ruhig, sanftmütig und eben. Und ich begriff, dass sie träumte. Und da konnte ich nicht mehr wegschauen. Die Gedanken an Zeilen und Verse verschwanden. Ich begriff, dass ich hier, von außerhalb, neben ihr liegend, ihren Traum verfolgen konnte. Ein Ort, an dem jeder Mensch noch fühlen kann, noch frei ist, noch lieben und begehren kann. Und ein Mensch, ich, kann gerade jetzt einmal verfolgen, und sehen, diese zweite Welt, die in allen Menschen verborgen liegt, die niemand jemals wagen würde aus sich heraus zu lassen. Und ich sah bald ein verliebtes Lächeln, bald wieder Falten auf der Stirn, vernahm ein Zucken des ganzen Körpers, ein Ekel zeigendes verziehen des Mundes, und schließlich wieder ein Spiel ihrer Lippen, ein Lächeln und dann eine schwere Träne, aus ihrem Auge herauskullernd, ihre Wangen herunter, kurz ihre Lippen benetztend, dann fallend und auf meiner Hand in tausend kleine Teilchen zerspringen.

Montag, 28. August 2017

IV


Ringsherum liegt alles in Schutt und Asche. Einige zerstörte und in Flammen stehende Gebäude in der Ecke, Kaputte Autos auf den Straßen und die letzten Gestalten ziehen ihre Masken ab und laufen mit todmüden Augen, gesenktem Kopf und leerem Blicke die ansonsten verlassenen, traurig und düster wirkenden Straße herunter und der eben noch in heller Euphorie bebender Platz bleibt einsam und bedrückend zurück. Bis auf zwei Menschen, die sich aus zwei entgegengesetzten Seiten langsam näherkommen. Sie beide schwarz gekleidet. Kurze schwarze Haare, in einem zerrissenen schwarzen Kleid, kommt sich vorsichtig tastend und über die Trümmern laufend einer der beiden von links. In engen Hosen, mit zerrissenem Hemd und langen brauen Haaren kommt der andere der beiden von rechts. Sie treffen sich in der Mitte strecken ihre Hände nacheinander aus, zunächst nur die Haut ihrer Fingerspitzen, dann beide Hände berühren sich vorsichtig und sehnsüchtig. Sie fassen sich sanft halb auf den Hals, halb an die Wangen und ihre Körper kommen sich zitternd immer näher, bis sie sich endlich beinah bebend aneinander drücken. Ihre Gesichter kommen sich näher, beinah unerträglich halten sie sich kurz auf Abstand, um den Moment herauszuzögern, als würden sie sich fürchten, weil sie etwas verbotenes, fremdes und gefährliches tun, bis sich ihre Lippen endlich und heftig, feste, alle Angst und Zurückhaltung fortwerfend aufeinander pressen.

Sonntag, 27. August 2017

III


Gruselig tropft dicker Regen gegen die Glasscheibe eines Dachfensters, welches das letzte schwache Tageslicht in ein kleines Zimmer gleiten lässt. Das Zimmer steht leer, bis auf einen hölzernen Schreibtisch, darauf einige Blätter weißes Papier, eine Glasfeder, ein mit schwarzer Tinte gefülltes Tintenfass und ein halb ausgetrunkenes Glas Rotwein, davor ein Stuhl, ansonsten ist alles leer. Auf dem Stuhl sitzt ein junger Mann. Er sitzt hier schon lange. Starrt das Blatt an, wischt sich mit dem Handrücken seiner dünnen großen Hände etwas Schweiß von der Stirn, greift hin und wieder gedankenverloren aber scheinbar auf etwas konzentriert nach dem Glas Rotwein, trinkt bald einen Schluck, stellt es bald von seinen Lippen unberührt wieder hin und erschrickt nicht, als der erste Blitz des Gewitterabends das Zimmer kurz vollständige erhellt, dass noch einige verwelkte Rosen nebst Spinnweben in den Zimmerecken zu erkennen sind. So sitzt er schon lange da. Er hat wenig gegessen und muss ständig husten. Er hat lange nichts mehr zu Papier gebracht, obgleich er es sich immer zu vornimmt, darum sitzt er hier alleine und einsam vor dem leeren Blatt Papier beim halbdunklem, halbhellem Resttageslicht, dass durch die Glasscheibe eines Dachfensters scheint. Hin und wieder stellt er sich vor, wie eine Freundin anruft. Wie er ihre sanfte Stimme am Telefon vernimmt und auf die erste Frage antwortet mit ich bin sehr krank. Obgleich er nicht sehr krank war.

Donnerstag, 24. August 2017

II


Eine einzige lange schmale Kerze gesteckt auf eine leere bauchige Weinflasche aus grünem Glas erhellt das Zimmer und beleuchtet in organ- farbendem Licht die Seiten deines aufgeschlagenen Buches. Sanft bewegt sich die Flamme hin und her und wirft bald hier bald dort nach kurzem Aufhellen oder Abdunkeln neue Schatten. Du liegst in deinem Bett, die Decke ist unbezogen, deine Füße gucken hervor und empfangen eine leichte Kälte, die deinen Körper vorsichtig und sanft abkühlt von den Anstrengungen des Tages. Das schräg einfallende Licht hebt das Raue am Papier durch die winzigsten Schatten hervor, du erfreust dich des Gewichts des Buches und deine Augen wandern funkelnd über die schwarze Schrift. Aber ein unzufriedener Mensch neigt dazu, das, womit er unzufrieden ist einem anderen zum Vorwurf zu machen, besonders dem Menschen, der ihm am nächsten steht.

Mittwoch, 23. August 2017

I


„Hallo. Ich bin wieder da. Ihr habt mich begraben und verschüttet, aber ich bin wieder da. Ihr habt mich verdrängt, mich aus euren Gedanken verbannt, aber ich bin zurückgekehrt. Seit anbeginn eurer Zeit habt ihr mit mir gekämpft, habt euren Vater dafür getötet, dann euren Gott, und schließlich euer Gefühl. Ich seid mich losgeworden, ihr habt euch darum erfreut, wenn man das noch Freude nennen kann. Ihr hattet mich getötet, doch ich bin zurückgekehrt. Ja! Hört nun meine Stimme wieder, wie sie an eurer Schädeldecke frisst, wie sie euch verrückt macht. Wie sie euch schlaflose Nächte bereitet. Und gebt ihr schließlich nach, um in einem Jahr ein Mal ruhig schlafen zu können. Ich bin alles, was ihr verloren habt. Ich bin Kannibalismus, ich bin ein Mord, eine Vergewaltigung, ein zu heftiger Kuss. Ich bin ein warmer Atem, ich bin zärtlich streichelnde Hände. Ich bin der Gedanke an dieses kleine Kind in dem weißem Kleid. Und ich weiß, dass euch so heftig nach jedem meiner Fassetten es zieht. Ich bin wie Meeresmassen und ihr habt euren Damm zu weit nach vorne gelegt. Ich bin ein Feuer, dem ihr zu wenig Platz ließet, dass ich jetzt zum Vulkan über euch komme. Ich bin in euch allen, hört meine Stimme, freut euch meiner Rückkehr, ohne mich seid ihr so endlos langweilig!“

Lange nichts gehört

Wer noch ab und zu auf meinen Blog guckt, wird gesehen haben, dass ich lange nichts mehr gepostet habe. Das liegt vor allem daran, dass ich erst seit ca. einem Monat wieder regelmäßig zum Schreiben komme und noch daran, dass ich vieles, was ich aktuell schreibe nicht für geeignet halte hier zu posten.

Ich habe mich jedoch entschieden ein aktuelles Projekt von mir wieder hier zu teilen. Der vorläufige Projektname lautet "Kathasis" und es besteht aus vielen einzelnen Bildern.
Ich werde mich bemühen jeden Tag eines dieser Bilder hochzuladen. Ich hoffe es gefällt euch, viel Spaß beim lesen.


Jan

Mittwoch, 31. Mai 2017

Der Mensch und die Narrheit




7. Auftritt
Ein Garten. Mo alleine auf einer Bank.

MO: Der Mensch ist ein Narr. Der Mensch taumelt so durch die Welt und schafft sich hohe Ideale. Der Mensch ist ein Gott, der die Welt seiner jeden eigentümlichen Narrheit immer fort aufbinden will. Ja er hat gutes Recht sich selbst zum Narren zu halten. Das waren schon immer die großen Geister, die ihre Narrheit sich gut züchteten und gedeihen ließen. Aber er hat kein Recht sich Narren zu halten. Das ist aller Welts Übel. Die Narrenhalter, die ihre selbst- oder abgeguckten Idealen den anderen aufbinden. Dabei nennt mir doch einer ein Ideal, welches geradesteht. Keines? Nicht auch ein einziges? Euch fällt keines ein? Es schallen mir laute Winde entgegen, die das Sprechen verlernt haben, wollen sie mir antworten. Nicht mal unserer aller höchstes „du sollst nicht töten“. Oder könnt ihr es mir begründen? Wer sagt mir, dass ich nicht töten darf? Gott ist tot, wer außer ihm hätte es begründen können. Nun da der Mensch sich Gott geworden ist, läuft Gott zu Millionen durch die Straßen, mit der Narrenkappe auf dem Kopf und gelben Strümpfen an den Beinen und meint er sei noch derselbe. Und wenn es einmal ein Haufen Narren geschafft hat, sich zusammen zu rotten und gemeinsam zu flüstern: du sollst arbeiten, du sollst heiraten, tuen bald alle es ihnen gleich. Dann machen sie von Neuem ihr tägliches ticktack und wollen, dass man es Tugend heißt. Der Mensch hält sich gerne Narren, aber noch lieber dient er eines Anderen Narrheit, es ist gemütlicher. Aber ich gebe nichts auf eure Arbeit. Ich gebe nichts auf eure Heirat. Ich bin mein eigener Narr. Hatten wir einen waren Großen, der keiner war?
Nur noch einmal soll gemeinsam geflüstert werden: nieder mit aller Moral, mit allem Gesetz, mit aller Sittlichkeit! Auf dass von dann an, jeder für sich selbst rufen kann. Und die Rufe werden so viel klüger, kräftiger und schöner klingen ohne ihr ticktack im Hintergrund. Was war ein Gedicht von Goethe doch so viel größer als alles Geflüster über das Volk? Was war ein Ton Beethovens doch so viel größer all ihr Geschwafel von Sittlichkeit, Moral, Tugend und Gerechtigkeit?  
Nein, die Revolution zeigt wahrlich keine Größe, die Revolutionäre umso weniger, aber die Menschen, die ihr entspringen, werden die größten sein. Sie werden den Menschen überwunden haben. 

(Preview: "Die goldene Halskette", Jan)

Dienstag, 18. April 2017

Liebste ...


ich hasse es, wenn ich nachts schlafen gehe, und weiß, mein nächster Tag ist voll und nicht von mir geplant. Ich hasse es zu wissen, dass ich leben muss, wie andere Menschen oder die Gesellschaft, ja sogar meine Band, Freunde, Familie es von mir erwarten. Ich hasse es zu wissen, wir könnten in einer so viel besseren und reicheren Welt leben, wir es aber nicht tun und ich es auch mit größter Wahrscheinlichkeit niemals erleben werde. Noch schlimmer, dass Menschen, die ihr Leben lang dafür gekämpft haben sie niemals erleben werden, da das Alter ihnen allzu nahe Grenzen setzt – Marc, Axel. Aber es reicht schon um die Schlechtigkeit dieser Welt zu wissen, um bei jedem Gedanke daran zu… ja zu was? Zu bersten? Sich aufzulösen? Innerlich zu sterben?
Es ist schrecklich, es ist eine Qual, es ist ein Graul! Ich will nicht mehr in die Uni, ich will nicht mehr arbeiten, selbst nicht mehr zur Bandprobe, zu Theater und manchmal nicht einmal mehr lieben, weil es mir zu sehr Zwang geworden ist.
Zu dir zieht es mich dennoch, ich habe das Gefühl einige Stunden oder eine Nacht Freiheit und Luft zu spüren, zu atmen, wenn ich in deinem Schoß liege, deine Stimme höre, deine Finger auf meiner Haut spüre…


Liebste Grüße

J

Donnerstag, 13. April 2017

Motorradfahrer, Philosophie und Rotwein



Es war der 26. März 2017, als ich mit dem Auto aus einer kleinen Seitenstraße herausfuhr, in welcher ich einen Freund, der dort wohnte, abgesetzt hatte. Die Probe war gut gewesen, voller Laune und Kreativität, unsere Gespräche auf der Heimfahrt danach, ebenso angeregt geführt, über unser derzeitiges Schaffen und Lästereien über die übrigen Bandmitglieder, ohne welche wir die Bandprobe verbracht hatten. Zu dritt – Philipp war nicht mit uns gefahren – ließ es sich am besten proben, uns war allen dreien es am liebsten so. Freddy und Jan tendierten zum Nerven, waren unaufmerksam und wie wir fanden ein schlechter Einfluss auf unser kreatives Schaffen. Wir hatten vor, nach und während der Probe Joints geraucht, so ließen sich unsere Instrumente besser spielen. Ich war der Bassist, darum hackten die anderen Beiden öfters auf mir herum, dies war high ebenso angenehmer: für sie lustiger, für mich erträglicher. Ich machte mir ohnehin nicht viel daraus, wahrscheinlich wäre ich eher geknickt würden sie es einmal unterlassen. Glücklich also über diese Probe fuhr ich zufrieden aus dieser kleinen Seitenstraße, auf die etwas größere – für die Verhältnisse unseres kleinen Dorfes jedenfalls – Bahnhofsstraße. Nach erfolgreichem Abbiegen blickte ich nochmals in den Rückspiegel und sah dort zwei Motorradfahrer. Ich konnte nicht viel erkennen: schwarze Klamotten, Helm und Schlauchtuch – das war klar. „Könnten es mein Vater und unser Nachbar sein?“ Mein Vater hatte sich vor nicht allzu langer Zeit eine BMW zugelegt, er war Jahre lang nicht mehr gefahren und genoss es nun, an Wochenenden, bei schönem Wetter mit Peter über die windigen Landstraßen des Taunus zu fliegen. Zwei Motoradfahrer also, es wäre gut möglich. Mich durchzuckte also ein unbehagliches Gefühl der Angst. Freilich könnte er mich erkennen, ich fuhr schließlich sein Auto, er könnte mich anhalten um mich zu Grüßen. Nicht weiter schlimm, wären da nicht meine roten Augen, meine vermutlich langsamen Bewegungen und säße ich nicht obendrein in diesem Zustand in einem Auto – in seinem Auto. Diese Gedanken ließen mich die nächste 10 Minuten fahrt, vorbei an Opeljäger (dem örtlichen Autohändler und Reparaturdienst), dem Ortsausgangsschild und aus dem Dorf heraus, auf die Langstraße, nicht mehr los. Immer wieder schaute ich erschrocken in den Rückspiegel, sie waren nicht näher gekommen. Dass es nicht mein Vater war hätte mir klar sein können, es war schließlich keine BMW – ich kannte mich schon immer schlecht mit Autos usw. aus, ich bildete hierfür nie ein außerordentliches Interesse – außerdem war es Sonntagabend, es lief also Tatort. Dieses wöchentliche Lustereignis, wurde auch durch die neu-wiederentdeckte Freude niemals ersetzt. Ich hätte es also wissen können, die Sorge war unnötig gewesen, die Angst verließ mich dennoch nicht.
Dann auf der Saalburg konnte ich im Spiegel plötzlich beide genauer erkennen, sie trugen über ihren Motorradjacken Bikerkutten. Ich schaute ihnen eine Weile zu; einer von beiden fuhr stets abwechselnd ein Stückchen nach Innen, dann wieder nach Außen und verlor dabei einmal kurz die Kontrolle, fing aber sogleich sich wieder und von den Bewegungen seines Kopfes, und dem Blick auf seinen Begleiter zu urteilen, schien ich zu erahnen, dass er über seine kurze Unaufmerksamkeit lachte. So fuhren wir die Saalburg herunter, ich in zunehmender Neugier, die beiden immer wieder aus dem Rückspiegel beobachtend, versucht mir ihre Geschichte vorzustellen, aus ihrem Fahrstil ihre Träume zu erraten, anhand ihrer Blicke die Beziehung zwischen den beiden. Bis endlich wir an einer größeren Kreuzung und Ampel abbremsten und zum Stehen kamen. Meine Hoffnung bestätigte sich, als die beiden ihre Visiere hochklappten, und sich eine Hand reichten. Jetzt konnte ich ihre Gesichter erkennen, ihre Augen, die Farbe ihrer Haare. Sie hatte rote Haare, sie musste vor 20 oder 30 Jahren unfassbar schön gewesen sein. Rote Haare, bissige Art, in Unterwäsche und mit Jeans-Kutte auf einem Motorrad sitzend, vor einer alten Fabrik, wir hätten uns an einer Feuertonne wärmen können. Hätte sie mir Jack Daniels gereicht, oder ihre andere Seite gezeigt und einen Rotwein in Gläsern serviert bereitgehalten? Ersteres schien wahrscheinlicher, zweiteres in meiner Vorstellung mehr mein Typ. Meine Gedanken schwankten zurück in die Realität, als er ihr seine zweite Hand reichte und sie sich gegenseitig in die Augen schauten. Seine Augen zeigten unglaubliche Freude und Glück. Seine beiden größten Lieben: diese Frau und das Motorradfahren, vereint, auf einer Landstraße zwischen Bad Homburg und meinem Dorf. Wie sollte man da nicht glücklich sein? Ihr Blick zeigte eine ähnliche Freude, aber lange nicht so rein. Der Blick hatte auch etwas von einer Angst. Was, wenn sie einen Unfall hatte, vor 10 Jahren vielleicht? Einen Motorradunfall? Und war seitdem nicht mehr gefahren. Sein Blick sagte ihr also: „Du bist toll! Du bist hier, du bist wieder bei dir. Es hat dir gefehlt und du hast es dir zurückgeholt, ich bin stolz auf dich!“ Sie lächelte.
Vor 20 Jahren lernten sich die beiden kennen, beim Motorradfahren. Sie fuhren ein Jahr lang zweimal die Woche, Sonntags und Donnerstags zusammen auf den Feldberg hinaus, an ihre Lieblingsaussicht, schauten über den zu ihren Füßen liegenden Taunus und liebten sich im Schatten der Tannen und ihrer Motorräder. An seinem ersten Geburtstag, da sie sich kannten, war sie das erste Mal bei ihm zu Hause. Sie betrat sein Zimmer, legte eine Schlinge um seinen Hals, band seine Arme zusammen und er Hauchte „liebe mich“. Ein Jahr später verließen sie ihre Partner und zogen zusammen. Eine Heirat kam nicht in Frage, sie hatten beiden die Ideale der freien Liebe in sich. Ihr Leben bestand aus wenig Arbeit, nur ausreichend, um Miete, Sprit und das ansonsten notwendige zu finanzieren, Motorrad fahren und Gespräche bei Rotwein zu zweit, oder mit Freunden über die Philosophie Nietzsches, Kierkegaads, Feuerbachs und Freuds Psychoanalyse, bis sie sich schlafenlegten und dort ein zweites Mal erwachten, hinter bald vernebelten Fensterscheiben, dem Geruch von Sex, Schweiß und Sperma. Einmal lag er danach, nackt, vor Hitze schwer atmend, Dampf von ihm aufsteigend auf dem Holzboden ihres Schlafzimmers und sie übergoss ihn mit teurem Rotwein, bis ihm wieder angenehm kühl war. 10 Jahre vergingen, bis er zu Hause saß, auf dem Sofa, ein Buch in der einen, ein Glas in der anderen Hand. Das Telefon klingelte, aus der Freisprechanlage: „Bremsspuren, Blut, Krankenhaus, schwerverletzt, Überlebenschance gering.“ Zuerst das Buch entfiel seiner Hand, dann das Glas und tränkte die Seiten blutrot. Seitdem waren sie kein Motorrad mehr gefahren. Er nur noch einmal: zum Krankenhaus und wieder zurück. Sie hatte überlebt, aber Motorradfahren konnte er – ob der Liebe zu ihr – nicht mehr. Weitere 10 Jahre waren vergangen und jetzt standen sie bei ihrer ersten Tour mit hochgeklapptem Visier, händehaltend hinter mir an einer roten Ampel vor Bad Homburg. Was für eine hässliche Stadt, für so einen Tag. Die Ampel wechselte auf grün, zusammen fuhren wir weiter. Ich stellte mir vor, wir würden zusammen aussteigen, sie würden mir ihre Geschichte einmal selbst erzählen, wie ereignete sie sich wirklich? Wir würden ins Gespräch kommen vielleicht über Nietzsches Nihilismus und Religionskritik – damit befasste ich mich gerade, ich hatte vor kurzem „Zur Genealogie der Moral“ und „Die fröhliche Wissenschaft“ gelesen, einen Rotwein bestellend. Ich stellte mir sie nochmal vor, 20 Jahre jünger, mit diesen langen roten Haaren, auf dem Motorrad liegend, und ihn, ebenso jung, ebenso hübsch und wild, mit Zigarette im Mund, cool angelehnt, nach angenehmen Schweiß riechend. Bestünde die Chance, dass sie mich mit nach Hause nehmen? „Jan war dein Name, richtig? Danke, das du angehalten hast. Fahren wir weiter? Vielleicht noch ein Stückchen auf der 661? Oder, wenn du willst, also, wir haben noch ein Bett frei? Willst du noch auf einen Absacker vorbeikommen?“ Klar, ein Absacker. Klar ein zweites Bett. Ich lebte auch polygam, heute Abend sollte niemand zu Besuch sein, also warum nicht ein bisschen Poppers, Gras und Rotwein. Zu dritt in ihrem Bett, zu dritt, unter ihren roten Haaren und seinem angenehmen Schweißgeruch. Ich schloss die Augen, verliebt in diese Vorstellung. Hörte seinen lauten Atem, sein erstes Stöhnen. Spürte ihre Fingernägel meinen Rücken zerkratzen. Seine Hände über meinen Körper, ihre Lippen an meiner Brust. Meine gespreizten Finger durch ihre Haare fahrend.
- Helles Licht, riss mich aus meiner träumerischen Vorstellung. Ein Auto war von der Fahrbahn abgekommen. Der Versuch auszuweichen misslang. Ein lauter Knall und bevor ich meine Augen das letzten Mal schloss, fuhren die Motoradfahrer noch an mir vorbei, bremsten plötzlich neben mir ab, rissen ihre Helme vom Kopf: und er war es doch, mein Vater, und der zweite: meine Mutter.





Frankfurt, 06.04.2017
Jan van Dick