Freitag, 29. September 2017

Die Uhr - I

„Nimmst du uns mit? Frankfurt am Main.“
Zwei junge Menschen standen an meiner runter gekurbelten Autoscheibe auf der Beifahrerseite. Ich weiß nicht genau, wieso ich angehalten hatte. Hitchhiking erschien mir immer als eine merkwürdige rebellische Attitüde, die ich vor allem für gefährlich und zu unkonventionell oder proletarisch hielt. Aber dieser Junge hatte etwas an sich, dass ich schon im Fahren langsamer wurde, als ich ihn nur gesehen hatte, ohne zu wissen, dass er etwas von mir wollte. Dann, als ich sah, dass er seinen Daumen raus gestreckt hatte und offensichtlich darauf wartete, dass ich anhalten würde, hielt ich. Ich ließ das Fenster herunter. Dann kam diese Frage, die ich hätte erahnen können und gleichzeitig nicht erwartet hatte. Ich fühlte eine Art längst vergangener Aufregung und mein Herz klopft. Seine Stimme war warm. Seine großen Augen langen ruhig auf meinem Gesicht und der selbstsichere, kecke Ton seiner Stimme klang noch nach, während ich schüchtern und verlegen antwortete er könne einsteigen. „Wir sind zu zweit, dass passt Ihnen?“, seine Augen funkelten und es lag eine leichte scherzhafte und kaum zu bemerkende Ironie in seinem Tonfall. „Ja, natürlich.“ Ich hatte seine Begleiterin ganz vergessen. Mein Herz raste, als diese beiden Fremden die Türen meines Autos öffneten, ihr Gepäck in meinen Kofferraum schmissen und nach dem Einsteigen die Türen zuknallen ließen. Er saß vorne, neben mir auf dem Beifahrersitz, sie hinten, hinter ihm. Ich starrte nach vorne, beide Hände am Lenker und wagte nicht zur Seite oder nach hinten und ihn oder sie anzuschauen, spürte aber seinen Blick, wie er erneut mit dieser Mischung aus Selbstbewusstsein und kecker Ironie auf meine Gesicht lag. Bis ich begriff, dass ich mit den Händen am Lenker, nach vorne starrend in meinem Auto saß, aber noch nicht losgefahren war. Ich legte hastig den Gang ein und fuhr unsicher, aber dann zunehmend aus meiner Zerstreuung aufwachend selbstsicherer los. Es entwickelte sich ein vorsichtiges Gespräch. Ob ich so was öfter tat – ich verneinte; wo die beiden herkamen – Leipzig; ob ich auch nach Frankfurt müsse – nein, Koblenz zu meiner Familie. Die beiden waren auf dem Weg nach Frankfurt, zu einer Tagung gegen Antisemitismus. ‚Schon wieder so ein Begriff, der von rebellischer, unkonventioneller Art zeugt und politisch viel zu aufgeladen ist.“, dachte ich. Etwas gegen den Begriff Antisemitismus zu haben, zeugte nicht von irgendeiner besonderen, den beiden vielleicht entgegengesetzter, politischer Einstellung. Vielmehr interessierte ich mich nicht besonders für Politik, außerhalb der wichtigsten europäischen und allgemein etablierten Politik. „Ist den Antisemitismus noch ein relevantes Problem?“, fragte ich. Ich spürte, dass sie von der Frage genervt war, er jedoch antwortete völlig ruhig: „Von Antisemitismus oder zumindest strukturellem Antisemitismus sind wir tatsächlich täglich umgeben. Dabei meine ich nicht nur offensichtlich antisemitische Aussagen von zum Beispiel rechten Politikern oder Nazis, sonder vor allem von – und das ist das große Problem – sich als links bezeichnende Kapitalismuskritikern. Großunternehmer oder führende Politiker mit Hakennasen und Vampir-Zähnen dazustellen, Bänker verteufeln, Machthaber mit Spinnen oder Kranken vergleichen oder diverse Verschwörungstheorien, all dass greift meist auf offensichtlich antisemitisch Vorurteile, oder Bilder zurück.“ Die Worte die er benutzte, Kapitalismus, Nazis, Großunternehmer, hätten mich in jedem anderen Gespräch, mit jedem anderen Diskussionspartner, die Diskussion beenden lassen. Sich über Nationalsozialisten und Kapitalismus zu unterhalten war mir so fremd, so abwegig. Aber bei diesem Menschen, bei der Art und Weise, wie seine Stimme klang, wie er mit den Betonungen spielte, mit der Ehrlichkeit und Lebendigkeit, die seine Worte beflügelten und zuletzt dieses Funkeln in seinen Augen immer, wenn ich zu ihm herüberblickte, ließen mich an seinen Lippen hängen. Ich verzehrte förmlich die Worte, die er sprach. Ich verstand, was er sagte und er überzeugte mich, aber es war viel mehr das Farbenspiel, dass er durch seine Anwesenheit, seine Bewegungen und Stimme vor mir ausbreitete, als die Worte selbst oder der Sinn seiner Rede, auf das ich achtete. „Wie alt seid ihr zwei eigentlich?“, fragte ich, bemüht sie mit in das Gespräch einzubinden und einen freundlichen Eindruck zu machen. Er war 21, sie war 20. Ich wusste nicht genau, was es mit diesem Jungen auf sich hatte, was mich zu dieser Zerstreuung und Verlegenheit brachte, die ich spürte, seitdem ich ihn an der Tankstelle stehen sah, die sich zunehmend verstärkte, so länger er neben mir saß. Aber er hatte eine Art zu sprechen und die Worte die er sprach verleiteten mich unwillkürlich dazu ihn weiter reden hören zu wollen und mein bisheriges Leben in Frage zu stellen. Diese beiden Menschen rührten ein Gefühl von Fröhlichkeit und Aufregung in mir auf. Aber das Gefühl einer höheren Zufriedenheit und einer Art Bedeutung. Ich hatte einen Mann, zwei junge Kinder, behielt mir aber meine Berufstätigkeit bei und reiste geschäftlich viel in der Welt herum. Ich hatte viele Freunde, ging gelegentlich in die Oper und traf einflussreiche Menschen auf Diners. Wir hatten ein schönes Haus in Koblenz gekauft und lebten ein vergnügtes Leben. Mein Job nahm viel Zeit in Anspruch aber er machte mir Spaß und ich empfand ihn als wichtig und richtig. Nie hatte ich darüber nachgedacht, dass es ein falsches Leben sein könnte, das ich führte. Aber diese Menschen weckten in mir das Gefühl, dass ich ein Zahnrad in dem Getriebe einer großen Uhr war. Vielleicht kein unbedeutendes Zahnrad, quasi ein großes, glückliches Zahnrad, aber das Zahnrad einer Uhr, die sich in die falsche Richtung drehte, ohne dass es jemand bemerkte. Und ich hatte meinen Anteil daran, und schien nicht nur nicht zu merken, dass sich die Zeiger auf dem Ziffernblatt verkehrt bewegten, sondern hatte mir – was viel schlimmer war – offensichtlich noch nie Gedanken darüber gemacht wohin sie sich überhaupt drehten.
Die weitere Fahrt über lachten wir viel, sie erzählten mir Geschichten ihrer Reise, ich ihnen etwas von meinem Beruf. Meinen Körper durchfloss fortwährend dieses Gefühl der Wärme und des Glücks, dass du spürst, wenn du mit wildfremden Menschen eine tolle Zeit verbringst. Die anfängliche Angst, mein Zögern und meine Vorurteile gegen Hitchhiking verschwanden langsam und waren schließlich, als wir im Baumweg 10 in Frankfurt ankamen, völlig verschwunden. Die beiden bedankten sich, nahmen ihre Rucksäcke und Taschen aus dem Kofferraum und mit dem Zuknallen der letzten offenen Tür waren sie verschwunden. Jetzt war ich allein mit dem Geräusch des Motors in meinem Auto. Ich fühlte mich eigenartig lebendig und als ich losfuhr legte ich eine alte CD ein, die ich lange nicht mehr gehört hatte und ließ mich von der Musik treiben. Nur das Bewusstsein diesen jungen Menschen nicht mehr wiederzusehen quälte mich ein wenig. Aber sanft und unbestimmt. Ich war froh Fabian und Carla mitgenommen zu haben und rekapitulierte unsere gemeinsame Fahrt, bis ich in Koblenz ankam.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen