Als
Anna ihr Auto in der Garage abstellte, ausstieg, ihre Kinder und
ihren Mann hörte und ihr gemeinsames Haus sah, wirkte alles
ernüchternd auf sie und brachte sie zurück in die Realität. Aber
diese Realität kam ihr plötzlich ein Stückchen enger und kleiner
und nicht mehr so endgültig vor, als gäbe es noch viele andere
neben ihr. Anna war eine Woche auf Geschäftsreise gewesen und ihre
zwei kleinen Kinder, das jüngere – Timo – konnte gerade erst
laufen, stürmten auf sie zu. Ihr Mann kam mit seinem gewöhnten
spöttischem Lächeln und den großen funkelnden Augen, aus denen
eine unbeschreibliche Unschuld strahlte, auf sie zu, küsste sie
sanft auf den Mund und hielt ihr ein kleines Kästchen hin. Anna
öffnete es. Es war eine neue Uhr. (In der ersten Nacht im Hotel war
ihre alte Uhr geklaut worden.) Es war eine Bruno Söhnle Uhr, mit
einem Armband aus dunkelbraunem Kalbsleder, sowie silbernem
Ziffernblatt und Zeigern und mit schwarzen Buchstaben und Zahlen.
Anna murmelte nur kurz danke,
sie fühlte sich plötzlich unglaublich müde und von der Reise
erschöpft. So ging sie also in ihr Zimmer, zog sich ihre Klamotten
aus, öffnete ihren BH, legte ihn über einen Stuhl und kroch nur in
Unterhose unter die warme Decke ihres weiß bezogenen Ehebettes.
Den
darauffolgenden Tag war Anna krank. Nichts schlimmes, aber die konnte
nicht arbeiten gehen und fühlte sich beständig müde und hatte
Kopfschmerzen. Sie kümmerte sich etwas um Timo und Anuschka, aber
verlor meist nach kurzer Zeit die Lust an ihnen. Sie beschloss etwas
zu lesen, doch der Krimi aus der Serie, die sie liebte erschien ihr
langweilig und unsinnig. In der Hoffnung sich etwas zu zerstreuen
ging sie an den Schrank und nahm ein paar verschiedene Schmerzmittel.
Dann ging sie in den Keller und und holte aus einem alten, staubigen
Bücherregal Die Kunst des Liebens
von Erich Fromm heraus, setzte sich in den Sessel im Wohnzimmer und
begann zu lesen. Während sie so las, dachte sie zurück an ihre
gestrige Autofahrt, an die beiden jungen Menschen, an Fabian
und
fühlte sich etwas wohler. Als ihr Mann nach Hause kam, trank sie zum
Abendessen ein Glas Wein, nachher auf dem Sofa mit ihrem Mann noch
zwei Gläser und vor dem Schlafengehen nahm sie eine Schlaftablette,
weil sie fürchtete unangenehmen Gedanken nachzuhängen. Eine Woche
lang blieb Anna so zu Hause, fühlte sich unwohl, müde und von ihrem
Mann und ihren Kindern seltsam entfremdet.
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