Samstag, 30. September 2017

Die Uhr - II

Als Anna ihr Auto in der Garage abstellte, ausstieg, ihre Kinder und ihren Mann hörte und ihr gemeinsames Haus sah, wirkte alles ernüchternd auf sie und brachte sie zurück in die Realität. Aber diese Realität kam ihr plötzlich ein Stückchen enger und kleiner und nicht mehr so endgültig vor, als gäbe es noch viele andere neben ihr. Anna war eine Woche auf Geschäftsreise gewesen und ihre zwei kleinen Kinder, das jüngere – Timo – konnte gerade erst laufen, stürmten auf sie zu. Ihr Mann kam mit seinem gewöhnten spöttischem Lächeln und den großen funkelnden Augen, aus denen eine unbeschreibliche Unschuld strahlte, auf sie zu, küsste sie sanft auf den Mund und hielt ihr ein kleines Kästchen hin. Anna öffnete es. Es war eine neue Uhr. (In der ersten Nacht im Hotel war ihre alte Uhr geklaut worden.) Es war eine Bruno Söhnle Uhr, mit einem Armband aus dunkelbraunem Kalbsleder, sowie silbernem Ziffernblatt und Zeigern und mit schwarzen Buchstaben und Zahlen. Anna murmelte nur kurz danke, sie fühlte sich plötzlich unglaublich müde und von der Reise erschöpft. So ging sie also in ihr Zimmer, zog sich ihre Klamotten aus, öffnete ihren BH, legte ihn über einen Stuhl und kroch nur in Unterhose unter die warme Decke ihres weiß bezogenen Ehebettes.
Den darauffolgenden Tag war Anna krank. Nichts schlimmes, aber die konnte nicht arbeiten gehen und fühlte sich beständig müde und hatte Kopfschmerzen. Sie kümmerte sich etwas um Timo und Anuschka, aber verlor meist nach kurzer Zeit die Lust an ihnen. Sie beschloss etwas zu lesen, doch der Krimi aus der Serie, die sie liebte erschien ihr langweilig und unsinnig. In der Hoffnung sich etwas zu zerstreuen ging sie an den Schrank und nahm ein paar verschiedene Schmerzmittel. Dann ging sie in den Keller und und holte aus einem alten, staubigen Bücherregal Die Kunst des Liebens von Erich Fromm heraus, setzte sich in den Sessel im Wohnzimmer und begann zu lesen. Während sie so las, dachte sie zurück an ihre gestrige Autofahrt, an die beiden jungen Menschen, an Fabian und fühlte sich etwas wohler. Als ihr Mann nach Hause kam, trank sie zum Abendessen ein Glas Wein, nachher auf dem Sofa mit ihrem Mann noch zwei Gläser und vor dem Schlafengehen nahm sie eine Schlaftablette, weil sie fürchtete unangenehmen Gedanken nachzuhängen. Eine Woche lang blieb Anna so zu Hause, fühlte sich unwohl, müde und von ihrem Mann und ihren Kindern seltsam entfremdet.

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