Donnerstag, 13. April 2017

Motorradfahrer, Philosophie und Rotwein



Es war der 26. März 2017, als ich mit dem Auto aus einer kleinen Seitenstraße herausfuhr, in welcher ich einen Freund, der dort wohnte, abgesetzt hatte. Die Probe war gut gewesen, voller Laune und Kreativität, unsere Gespräche auf der Heimfahrt danach, ebenso angeregt geführt, über unser derzeitiges Schaffen und Lästereien über die übrigen Bandmitglieder, ohne welche wir die Bandprobe verbracht hatten. Zu dritt – Philipp war nicht mit uns gefahren – ließ es sich am besten proben, uns war allen dreien es am liebsten so. Freddy und Jan tendierten zum Nerven, waren unaufmerksam und wie wir fanden ein schlechter Einfluss auf unser kreatives Schaffen. Wir hatten vor, nach und während der Probe Joints geraucht, so ließen sich unsere Instrumente besser spielen. Ich war der Bassist, darum hackten die anderen Beiden öfters auf mir herum, dies war high ebenso angenehmer: für sie lustiger, für mich erträglicher. Ich machte mir ohnehin nicht viel daraus, wahrscheinlich wäre ich eher geknickt würden sie es einmal unterlassen. Glücklich also über diese Probe fuhr ich zufrieden aus dieser kleinen Seitenstraße, auf die etwas größere – für die Verhältnisse unseres kleinen Dorfes jedenfalls – Bahnhofsstraße. Nach erfolgreichem Abbiegen blickte ich nochmals in den Rückspiegel und sah dort zwei Motorradfahrer. Ich konnte nicht viel erkennen: schwarze Klamotten, Helm und Schlauchtuch – das war klar. „Könnten es mein Vater und unser Nachbar sein?“ Mein Vater hatte sich vor nicht allzu langer Zeit eine BMW zugelegt, er war Jahre lang nicht mehr gefahren und genoss es nun, an Wochenenden, bei schönem Wetter mit Peter über die windigen Landstraßen des Taunus zu fliegen. Zwei Motoradfahrer also, es wäre gut möglich. Mich durchzuckte also ein unbehagliches Gefühl der Angst. Freilich könnte er mich erkennen, ich fuhr schließlich sein Auto, er könnte mich anhalten um mich zu Grüßen. Nicht weiter schlimm, wären da nicht meine roten Augen, meine vermutlich langsamen Bewegungen und säße ich nicht obendrein in diesem Zustand in einem Auto – in seinem Auto. Diese Gedanken ließen mich die nächste 10 Minuten fahrt, vorbei an Opeljäger (dem örtlichen Autohändler und Reparaturdienst), dem Ortsausgangsschild und aus dem Dorf heraus, auf die Langstraße, nicht mehr los. Immer wieder schaute ich erschrocken in den Rückspiegel, sie waren nicht näher gekommen. Dass es nicht mein Vater war hätte mir klar sein können, es war schließlich keine BMW – ich kannte mich schon immer schlecht mit Autos usw. aus, ich bildete hierfür nie ein außerordentliches Interesse – außerdem war es Sonntagabend, es lief also Tatort. Dieses wöchentliche Lustereignis, wurde auch durch die neu-wiederentdeckte Freude niemals ersetzt. Ich hätte es also wissen können, die Sorge war unnötig gewesen, die Angst verließ mich dennoch nicht.
Dann auf der Saalburg konnte ich im Spiegel plötzlich beide genauer erkennen, sie trugen über ihren Motorradjacken Bikerkutten. Ich schaute ihnen eine Weile zu; einer von beiden fuhr stets abwechselnd ein Stückchen nach Innen, dann wieder nach Außen und verlor dabei einmal kurz die Kontrolle, fing aber sogleich sich wieder und von den Bewegungen seines Kopfes, und dem Blick auf seinen Begleiter zu urteilen, schien ich zu erahnen, dass er über seine kurze Unaufmerksamkeit lachte. So fuhren wir die Saalburg herunter, ich in zunehmender Neugier, die beiden immer wieder aus dem Rückspiegel beobachtend, versucht mir ihre Geschichte vorzustellen, aus ihrem Fahrstil ihre Träume zu erraten, anhand ihrer Blicke die Beziehung zwischen den beiden. Bis endlich wir an einer größeren Kreuzung und Ampel abbremsten und zum Stehen kamen. Meine Hoffnung bestätigte sich, als die beiden ihre Visiere hochklappten, und sich eine Hand reichten. Jetzt konnte ich ihre Gesichter erkennen, ihre Augen, die Farbe ihrer Haare. Sie hatte rote Haare, sie musste vor 20 oder 30 Jahren unfassbar schön gewesen sein. Rote Haare, bissige Art, in Unterwäsche und mit Jeans-Kutte auf einem Motorrad sitzend, vor einer alten Fabrik, wir hätten uns an einer Feuertonne wärmen können. Hätte sie mir Jack Daniels gereicht, oder ihre andere Seite gezeigt und einen Rotwein in Gläsern serviert bereitgehalten? Ersteres schien wahrscheinlicher, zweiteres in meiner Vorstellung mehr mein Typ. Meine Gedanken schwankten zurück in die Realität, als er ihr seine zweite Hand reichte und sie sich gegenseitig in die Augen schauten. Seine Augen zeigten unglaubliche Freude und Glück. Seine beiden größten Lieben: diese Frau und das Motorradfahren, vereint, auf einer Landstraße zwischen Bad Homburg und meinem Dorf. Wie sollte man da nicht glücklich sein? Ihr Blick zeigte eine ähnliche Freude, aber lange nicht so rein. Der Blick hatte auch etwas von einer Angst. Was, wenn sie einen Unfall hatte, vor 10 Jahren vielleicht? Einen Motorradunfall? Und war seitdem nicht mehr gefahren. Sein Blick sagte ihr also: „Du bist toll! Du bist hier, du bist wieder bei dir. Es hat dir gefehlt und du hast es dir zurückgeholt, ich bin stolz auf dich!“ Sie lächelte.
Vor 20 Jahren lernten sich die beiden kennen, beim Motorradfahren. Sie fuhren ein Jahr lang zweimal die Woche, Sonntags und Donnerstags zusammen auf den Feldberg hinaus, an ihre Lieblingsaussicht, schauten über den zu ihren Füßen liegenden Taunus und liebten sich im Schatten der Tannen und ihrer Motorräder. An seinem ersten Geburtstag, da sie sich kannten, war sie das erste Mal bei ihm zu Hause. Sie betrat sein Zimmer, legte eine Schlinge um seinen Hals, band seine Arme zusammen und er Hauchte „liebe mich“. Ein Jahr später verließen sie ihre Partner und zogen zusammen. Eine Heirat kam nicht in Frage, sie hatten beiden die Ideale der freien Liebe in sich. Ihr Leben bestand aus wenig Arbeit, nur ausreichend, um Miete, Sprit und das ansonsten notwendige zu finanzieren, Motorrad fahren und Gespräche bei Rotwein zu zweit, oder mit Freunden über die Philosophie Nietzsches, Kierkegaads, Feuerbachs und Freuds Psychoanalyse, bis sie sich schlafenlegten und dort ein zweites Mal erwachten, hinter bald vernebelten Fensterscheiben, dem Geruch von Sex, Schweiß und Sperma. Einmal lag er danach, nackt, vor Hitze schwer atmend, Dampf von ihm aufsteigend auf dem Holzboden ihres Schlafzimmers und sie übergoss ihn mit teurem Rotwein, bis ihm wieder angenehm kühl war. 10 Jahre vergingen, bis er zu Hause saß, auf dem Sofa, ein Buch in der einen, ein Glas in der anderen Hand. Das Telefon klingelte, aus der Freisprechanlage: „Bremsspuren, Blut, Krankenhaus, schwerverletzt, Überlebenschance gering.“ Zuerst das Buch entfiel seiner Hand, dann das Glas und tränkte die Seiten blutrot. Seitdem waren sie kein Motorrad mehr gefahren. Er nur noch einmal: zum Krankenhaus und wieder zurück. Sie hatte überlebt, aber Motorradfahren konnte er – ob der Liebe zu ihr – nicht mehr. Weitere 10 Jahre waren vergangen und jetzt standen sie bei ihrer ersten Tour mit hochgeklapptem Visier, händehaltend hinter mir an einer roten Ampel vor Bad Homburg. Was für eine hässliche Stadt, für so einen Tag. Die Ampel wechselte auf grün, zusammen fuhren wir weiter. Ich stellte mir vor, wir würden zusammen aussteigen, sie würden mir ihre Geschichte einmal selbst erzählen, wie ereignete sie sich wirklich? Wir würden ins Gespräch kommen vielleicht über Nietzsches Nihilismus und Religionskritik – damit befasste ich mich gerade, ich hatte vor kurzem „Zur Genealogie der Moral“ und „Die fröhliche Wissenschaft“ gelesen, einen Rotwein bestellend. Ich stellte mir sie nochmal vor, 20 Jahre jünger, mit diesen langen roten Haaren, auf dem Motorrad liegend, und ihn, ebenso jung, ebenso hübsch und wild, mit Zigarette im Mund, cool angelehnt, nach angenehmen Schweiß riechend. Bestünde die Chance, dass sie mich mit nach Hause nehmen? „Jan war dein Name, richtig? Danke, das du angehalten hast. Fahren wir weiter? Vielleicht noch ein Stückchen auf der 661? Oder, wenn du willst, also, wir haben noch ein Bett frei? Willst du noch auf einen Absacker vorbeikommen?“ Klar, ein Absacker. Klar ein zweites Bett. Ich lebte auch polygam, heute Abend sollte niemand zu Besuch sein, also warum nicht ein bisschen Poppers, Gras und Rotwein. Zu dritt in ihrem Bett, zu dritt, unter ihren roten Haaren und seinem angenehmen Schweißgeruch. Ich schloss die Augen, verliebt in diese Vorstellung. Hörte seinen lauten Atem, sein erstes Stöhnen. Spürte ihre Fingernägel meinen Rücken zerkratzen. Seine Hände über meinen Körper, ihre Lippen an meiner Brust. Meine gespreizten Finger durch ihre Haare fahrend.
- Helles Licht, riss mich aus meiner träumerischen Vorstellung. Ein Auto war von der Fahrbahn abgekommen. Der Versuch auszuweichen misslang. Ein lauter Knall und bevor ich meine Augen das letzten Mal schloss, fuhren die Motoradfahrer noch an mir vorbei, bremsten plötzlich neben mir ab, rissen ihre Helme vom Kopf: und er war es doch, mein Vater, und der zweite: meine Mutter.





Frankfurt, 06.04.2017
Jan van Dick

1 Kommentar:

  1. Es ist wunderschön den Text zu lesen und währenddessen "Life Story" von Ólafur Arnalds & Nils Frahm zu hören. Passt es nicht perfekt zu deiner Geschichte? Das Lied entspricht genau der Stimmung finde ich. :-)

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