Dienstag, 29. August 2017

V


Wir liegen zu zweit dicht aneinander zwischen Decken und Stoffen, halb angekleidet in meinem Bett. Draußen hört man den Lärm der Innenstadt und großen Straßen durch das halb geöffnete Fenster. Eben hatte wir noch zärtlich uns vorsichtig unsere Körper gestreichelt, die Stellen, wo sich unsere nackte Haut zeigte und Gänsehaut durchfuhr wieder und wieder meinen Rücken, Arme und Schultern. Jetzt hatte sie ihre Augen geschlossen. Ihre Hand lag auf der Innenseite meines Unterarms, umfasste ihn zärtlich und leicht, ihr Kopf lag auf ihrem zweiten Arm. Mein Gesicht war dem ihrem so nah, dass es gerade reichte, ihres scharf und in Gänze zu sehen, ohne mit den Augen zu sehr mich anstrengen zu müssen. Dann zuckte ihre auf meinem Arm liegende Hand kaum merklich und ich wusste sie würde bald einschlafen. Sie schlief schnell ein, das erste Anzeichen war immer ein kurzes Zucken. Ein zweites Zucken, kurz danach, ihr Atem wurde ruhig und gleichmäßig, ihre Augen waren schon lange geschlossen. Meine lagen auf ihrem Gesicht versucht, die Form, die Farben, ihre Haare, ihre Augenbrauen, ihre Lippen ganz aufzunehmen, ganz zu begreifen und mir kamen Zeilen und Verse in den Kopf, sie dichtend zu zeichnen - als sie plötzlich ihre Stirn in Falten legte. Nur für einen kurzen Augenblick, dann war ihr Gesicht wieder ruhig, sanftmütig und eben. Und ich begriff, dass sie träumte. Und da konnte ich nicht mehr wegschauen. Die Gedanken an Zeilen und Verse verschwanden. Ich begriff, dass ich hier, von außerhalb, neben ihr liegend, ihren Traum verfolgen konnte. Ein Ort, an dem jeder Mensch noch fühlen kann, noch frei ist, noch lieben und begehren kann. Und ein Mensch, ich, kann gerade jetzt einmal verfolgen, und sehen, diese zweite Welt, die in allen Menschen verborgen liegt, die niemand jemals wagen würde aus sich heraus zu lassen. Und ich sah bald ein verliebtes Lächeln, bald wieder Falten auf der Stirn, vernahm ein Zucken des ganzen Körpers, ein Ekel zeigendes verziehen des Mundes, und schließlich wieder ein Spiel ihrer Lippen, ein Lächeln und dann eine schwere Träne, aus ihrem Auge herauskullernd, ihre Wangen herunter, kurz ihre Lippen benetztend, dann fallend und auf meiner Hand in tausend kleine Teilchen zerspringen.

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