Samstag, 30. September 2017

Die Uhr - II

Als Anna ihr Auto in der Garage abstellte, ausstieg, ihre Kinder und ihren Mann hörte und ihr gemeinsames Haus sah, wirkte alles ernüchternd auf sie und brachte sie zurück in die Realität. Aber diese Realität kam ihr plötzlich ein Stückchen enger und kleiner und nicht mehr so endgültig vor, als gäbe es noch viele andere neben ihr. Anna war eine Woche auf Geschäftsreise gewesen und ihre zwei kleinen Kinder, das jüngere – Timo – konnte gerade erst laufen, stürmten auf sie zu. Ihr Mann kam mit seinem gewöhnten spöttischem Lächeln und den großen funkelnden Augen, aus denen eine unbeschreibliche Unschuld strahlte, auf sie zu, küsste sie sanft auf den Mund und hielt ihr ein kleines Kästchen hin. Anna öffnete es. Es war eine neue Uhr. (In der ersten Nacht im Hotel war ihre alte Uhr geklaut worden.) Es war eine Bruno Söhnle Uhr, mit einem Armband aus dunkelbraunem Kalbsleder, sowie silbernem Ziffernblatt und Zeigern und mit schwarzen Buchstaben und Zahlen. Anna murmelte nur kurz danke, sie fühlte sich plötzlich unglaublich müde und von der Reise erschöpft. So ging sie also in ihr Zimmer, zog sich ihre Klamotten aus, öffnete ihren BH, legte ihn über einen Stuhl und kroch nur in Unterhose unter die warme Decke ihres weiß bezogenen Ehebettes.
Den darauffolgenden Tag war Anna krank. Nichts schlimmes, aber die konnte nicht arbeiten gehen und fühlte sich beständig müde und hatte Kopfschmerzen. Sie kümmerte sich etwas um Timo und Anuschka, aber verlor meist nach kurzer Zeit die Lust an ihnen. Sie beschloss etwas zu lesen, doch der Krimi aus der Serie, die sie liebte erschien ihr langweilig und unsinnig. In der Hoffnung sich etwas zu zerstreuen ging sie an den Schrank und nahm ein paar verschiedene Schmerzmittel. Dann ging sie in den Keller und und holte aus einem alten, staubigen Bücherregal Die Kunst des Liebens von Erich Fromm heraus, setzte sich in den Sessel im Wohnzimmer und begann zu lesen. Während sie so las, dachte sie zurück an ihre gestrige Autofahrt, an die beiden jungen Menschen, an Fabian und fühlte sich etwas wohler. Als ihr Mann nach Hause kam, trank sie zum Abendessen ein Glas Wein, nachher auf dem Sofa mit ihrem Mann noch zwei Gläser und vor dem Schlafengehen nahm sie eine Schlaftablette, weil sie fürchtete unangenehmen Gedanken nachzuhängen. Eine Woche lang blieb Anna so zu Hause, fühlte sich unwohl, müde und von ihrem Mann und ihren Kindern seltsam entfremdet.

Freitag, 29. September 2017

Die Uhr - I

„Nimmst du uns mit? Frankfurt am Main.“
Zwei junge Menschen standen an meiner runter gekurbelten Autoscheibe auf der Beifahrerseite. Ich weiß nicht genau, wieso ich angehalten hatte. Hitchhiking erschien mir immer als eine merkwürdige rebellische Attitüde, die ich vor allem für gefährlich und zu unkonventionell oder proletarisch hielt. Aber dieser Junge hatte etwas an sich, dass ich schon im Fahren langsamer wurde, als ich ihn nur gesehen hatte, ohne zu wissen, dass er etwas von mir wollte. Dann, als ich sah, dass er seinen Daumen raus gestreckt hatte und offensichtlich darauf wartete, dass ich anhalten würde, hielt ich. Ich ließ das Fenster herunter. Dann kam diese Frage, die ich hätte erahnen können und gleichzeitig nicht erwartet hatte. Ich fühlte eine Art längst vergangener Aufregung und mein Herz klopft. Seine Stimme war warm. Seine großen Augen langen ruhig auf meinem Gesicht und der selbstsichere, kecke Ton seiner Stimme klang noch nach, während ich schüchtern und verlegen antwortete er könne einsteigen. „Wir sind zu zweit, dass passt Ihnen?“, seine Augen funkelten und es lag eine leichte scherzhafte und kaum zu bemerkende Ironie in seinem Tonfall. „Ja, natürlich.“ Ich hatte seine Begleiterin ganz vergessen. Mein Herz raste, als diese beiden Fremden die Türen meines Autos öffneten, ihr Gepäck in meinen Kofferraum schmissen und nach dem Einsteigen die Türen zuknallen ließen. Er saß vorne, neben mir auf dem Beifahrersitz, sie hinten, hinter ihm. Ich starrte nach vorne, beide Hände am Lenker und wagte nicht zur Seite oder nach hinten und ihn oder sie anzuschauen, spürte aber seinen Blick, wie er erneut mit dieser Mischung aus Selbstbewusstsein und kecker Ironie auf meine Gesicht lag. Bis ich begriff, dass ich mit den Händen am Lenker, nach vorne starrend in meinem Auto saß, aber noch nicht losgefahren war. Ich legte hastig den Gang ein und fuhr unsicher, aber dann zunehmend aus meiner Zerstreuung aufwachend selbstsicherer los. Es entwickelte sich ein vorsichtiges Gespräch. Ob ich so was öfter tat – ich verneinte; wo die beiden herkamen – Leipzig; ob ich auch nach Frankfurt müsse – nein, Koblenz zu meiner Familie. Die beiden waren auf dem Weg nach Frankfurt, zu einer Tagung gegen Antisemitismus. ‚Schon wieder so ein Begriff, der von rebellischer, unkonventioneller Art zeugt und politisch viel zu aufgeladen ist.“, dachte ich. Etwas gegen den Begriff Antisemitismus zu haben, zeugte nicht von irgendeiner besonderen, den beiden vielleicht entgegengesetzter, politischer Einstellung. Vielmehr interessierte ich mich nicht besonders für Politik, außerhalb der wichtigsten europäischen und allgemein etablierten Politik. „Ist den Antisemitismus noch ein relevantes Problem?“, fragte ich. Ich spürte, dass sie von der Frage genervt war, er jedoch antwortete völlig ruhig: „Von Antisemitismus oder zumindest strukturellem Antisemitismus sind wir tatsächlich täglich umgeben. Dabei meine ich nicht nur offensichtlich antisemitische Aussagen von zum Beispiel rechten Politikern oder Nazis, sonder vor allem von – und das ist das große Problem – sich als links bezeichnende Kapitalismuskritikern. Großunternehmer oder führende Politiker mit Hakennasen und Vampir-Zähnen dazustellen, Bänker verteufeln, Machthaber mit Spinnen oder Kranken vergleichen oder diverse Verschwörungstheorien, all dass greift meist auf offensichtlich antisemitisch Vorurteile, oder Bilder zurück.“ Die Worte die er benutzte, Kapitalismus, Nazis, Großunternehmer, hätten mich in jedem anderen Gespräch, mit jedem anderen Diskussionspartner, die Diskussion beenden lassen. Sich über Nationalsozialisten und Kapitalismus zu unterhalten war mir so fremd, so abwegig. Aber bei diesem Menschen, bei der Art und Weise, wie seine Stimme klang, wie er mit den Betonungen spielte, mit der Ehrlichkeit und Lebendigkeit, die seine Worte beflügelten und zuletzt dieses Funkeln in seinen Augen immer, wenn ich zu ihm herüberblickte, ließen mich an seinen Lippen hängen. Ich verzehrte förmlich die Worte, die er sprach. Ich verstand, was er sagte und er überzeugte mich, aber es war viel mehr das Farbenspiel, dass er durch seine Anwesenheit, seine Bewegungen und Stimme vor mir ausbreitete, als die Worte selbst oder der Sinn seiner Rede, auf das ich achtete. „Wie alt seid ihr zwei eigentlich?“, fragte ich, bemüht sie mit in das Gespräch einzubinden und einen freundlichen Eindruck zu machen. Er war 21, sie war 20. Ich wusste nicht genau, was es mit diesem Jungen auf sich hatte, was mich zu dieser Zerstreuung und Verlegenheit brachte, die ich spürte, seitdem ich ihn an der Tankstelle stehen sah, die sich zunehmend verstärkte, so länger er neben mir saß. Aber er hatte eine Art zu sprechen und die Worte die er sprach verleiteten mich unwillkürlich dazu ihn weiter reden hören zu wollen und mein bisheriges Leben in Frage zu stellen. Diese beiden Menschen rührten ein Gefühl von Fröhlichkeit und Aufregung in mir auf. Aber das Gefühl einer höheren Zufriedenheit und einer Art Bedeutung. Ich hatte einen Mann, zwei junge Kinder, behielt mir aber meine Berufstätigkeit bei und reiste geschäftlich viel in der Welt herum. Ich hatte viele Freunde, ging gelegentlich in die Oper und traf einflussreiche Menschen auf Diners. Wir hatten ein schönes Haus in Koblenz gekauft und lebten ein vergnügtes Leben. Mein Job nahm viel Zeit in Anspruch aber er machte mir Spaß und ich empfand ihn als wichtig und richtig. Nie hatte ich darüber nachgedacht, dass es ein falsches Leben sein könnte, das ich führte. Aber diese Menschen weckten in mir das Gefühl, dass ich ein Zahnrad in dem Getriebe einer großen Uhr war. Vielleicht kein unbedeutendes Zahnrad, quasi ein großes, glückliches Zahnrad, aber das Zahnrad einer Uhr, die sich in die falsche Richtung drehte, ohne dass es jemand bemerkte. Und ich hatte meinen Anteil daran, und schien nicht nur nicht zu merken, dass sich die Zeiger auf dem Ziffernblatt verkehrt bewegten, sondern hatte mir – was viel schlimmer war – offensichtlich noch nie Gedanken darüber gemacht wohin sie sich überhaupt drehten.
Die weitere Fahrt über lachten wir viel, sie erzählten mir Geschichten ihrer Reise, ich ihnen etwas von meinem Beruf. Meinen Körper durchfloss fortwährend dieses Gefühl der Wärme und des Glücks, dass du spürst, wenn du mit wildfremden Menschen eine tolle Zeit verbringst. Die anfängliche Angst, mein Zögern und meine Vorurteile gegen Hitchhiking verschwanden langsam und waren schließlich, als wir im Baumweg 10 in Frankfurt ankamen, völlig verschwunden. Die beiden bedankten sich, nahmen ihre Rucksäcke und Taschen aus dem Kofferraum und mit dem Zuknallen der letzten offenen Tür waren sie verschwunden. Jetzt war ich allein mit dem Geräusch des Motors in meinem Auto. Ich fühlte mich eigenartig lebendig und als ich losfuhr legte ich eine alte CD ein, die ich lange nicht mehr gehört hatte und ließ mich von der Musik treiben. Nur das Bewusstsein diesen jungen Menschen nicht mehr wiederzusehen quälte mich ein wenig. Aber sanft und unbestimmt. Ich war froh Fabian und Carla mitgenommen zu haben und rekapitulierte unsere gemeinsame Fahrt, bis ich in Koblenz ankam.

Donnerstag, 28. September 2017

Hallo Menschen,

ihr habt wieder eine Weile nichts gehört, da ich gerade mit einer Hausarbeit und mehreren Kurzgeschichten beschäftigt bin. Eine der Kurzgeschichten ist letzte Woche fertig geworden und ich würde sie euch gerne präsentieren. Die Kurzgeschichte trägt den Namen "Die Uhr" und ist in drei Teile - I, II, III - unterteilt, die ich in den nächsten Tagen posten werde. Lasst euch nicht davon verwirren, dass die Teile ebenfalls, wie die Bilder mit römischen Zahlen beginnen. Ich freu mich über jedes Feedback und entschuldige mich für bisher unbeantwortete Kommentare.


Liebe Grüße

Jan

Dienstag, 19. September 2017

XIII – DER BLICK


Ein Zimmer. Man unterhält sich. Gedimmtes Licht. Vielleicht einige Kerzen. Oder eine Lichterkette? Musik, aber leise und ruhig, dass man einander versteht. Und inmitten dieser Gespräche, schauen sich zwei der Menschen, nach einem eben gesprochenen Satz an. In die Augen. Für niemanden war der Satz wichtig, niemand hat wirklich auf ihn gehört, alle reden und lachen weiter. Nur diese zwei Menschen sind für einige Augenblicke wie eingefroren. Und ihre Blick zeigen sich gegenseitig, dass beide genau wissen, was der andere denkt. Momente, Erinnerungen, Gefühle, Gedanken, Bilder, Szenen, die beide erlebt haben tauschen sich zwischen beiden aus. Mit diesem einen Blick, in diesen wenigen Sekunden, die sie sich anschauen. Niemand wird es bemerkt haben, für niemanden spielt es eine Rolle. Aber diese Blicke erscheinen manchmal, wie das Erstaunlichste, wozu der Menschen fähig ist. Diese wenigen Sekunden, die eine Bedeutung haben, die sich außer der sich Anschauenden niemand vorstellen kann.

Sonntag, 17. September 2017

XII - Der Quäler


Auf einer Lichtung bei Nacht stehen zwei Männer und eine Frau, alle in dunklen Klamotten. Einer der Männer ist mit dicken braunen Seilen an einen Baum gebunden und schreit laut vor heftigen Schmerzen, dass seine Stimme schrill durch den Wald schallt. Der andere Mann hält der Frau eine Zange hin. Der Zangenkopf ist aus dunklen Metall und schon halb verrostet, die Griffe sind aus rotem Plastik. Die Frau zögert kurz, nimmt dann aber entschlossen die Zange und ihre eben schüchternen Augen fangen an zu leuchten. Sie nähert sich mit ihren vollen roten Lippen, ihrem sanften, spitzen weißen Gesicht den Lippen des an den Baum gefesselten Mannes, küsst ihn vorsichtig, als er erwidert fester und lustvoll. Dann zieht sie ihr Gesicht plötzlich zurück, umfasst mit ihrer linken Hand seinen Kiefer, hält ihn fest, steckt die Zange in seinen Mund und packt mit ihr seine Zunge. Sie drück feste zu und ihr Blick schreit vor tiefer Lust und Gier, als er laut weinend und schmerzverzerrt zu schreien beginnt. Sie zieht fester an der Zange, bis sie endlich die Zunge aus dem Mund des Mannes reißt. Seine Augen sind wie die eines Wahnsinnigen aufgerissen, er will erneut schreien, aber kein Ton entspringt seinem Mund. Der dritte Mann lächelt voll Genugtuung, als er sieht, wie die Frau vollkommen entfesselt ihre ganze Freiheit und Macht spürend zuerst mit dem verrosteten Metall der Zange auf des gefesselten Gesicht einschlägt, ihm dann die Augen mit ihren Finger aussticht, dass ihre Hände und Arme bald blutüberströmt im Mondscheinlicht dunkelrot schimmern und sie ihn schließlich, mit Fäusten, Knien und der tödlich mit ihren Händen sehnsüchtig und gierig umfassten Zange, als wollte sie sie nie wieder verlieren, den Mann zu Tode prügelt, bis sein Leichnam leblosen in den Seilen hängt. Sie reißt nochmals sein entstelltes Gesicht an ihres heran, fühlt den gebrochenen Kiefer, sieht die leeren, kaputten Augen, die selbst nichts mehr sehen und zwingt den toten Lippen einen Kuss auf, den sie genießt, wie sie noch nie in ihrem Leben etwas genossen hat. Die Vögel die nachts in ihren Bäumen sitzen und das Mondscheinlicht genießen stimmen gemeinsam ein Lied an:
Über allen Wipfeln ist Ruh
In den Gipfeln spürst du
Kaum einen Hauch.

Sonntag, 10. September 2017

XI

Mittlerweile sind wir zwei nicht mehr alleine. Wir sind viele geworden. Wir sitzen um ein kleines Lagerfeuer, die Flammen wärmen die um uns herum und sich immer wieder an uns heranschleichende Kälte auf, lassen uns gegenseitig uns und unsere Gesichter erkennen. Man kann abwechselnd und durcheinander unsere Münder auf und zu gehen sehen, während wir diskutieren und jeder Beitragen will. Dazu trinken wir Rotwein. Ich liege, meinen Kopf auf den kalten Boden gelegt und starre in die Tiefe des Sternenhimmels. Man kann die Milchstraße sehen, einzelne Sternbilder erkenne ich wieder, aber das interessiert mich nicht. Es ist das ganze Bild und während ich mich ganz in diesem Bild verliere, komme ich mir so unendlich klein vor; lenke ich meinen Verstand dann wieder auf die gesprochenen, manchmal halb geflüsterten Worte, werde ich mir wieder meiner Selbst und dem Leben bewusst. Es ist eine feine Ambivalenz. Hin und wieder ertaste ich ihre Hand und ohne uns anzuschauen fahren wir gegenseitig über unsere Haut, und fühlen die uns längst bekannten Unebenheiten. Das Feuer, die uns umschließende Kälte, der Sternenhimmel, ihre Berührungen. Ich lächele, als ich mir vorstelle das uns am Feuer sitzend und all diese Einzelheiten beobachtend jemand zuschaut. Mir ist nicht bewusst, dass diese von außen schauenden Betrachter nicht weit entfernt stehen. Aber sie sehen nicht die Einzelheiten, die ich sehe und kommen langsam näher. Wie immer dunkel gekleidet, mit Helmen, Schutzweste und Schlagstock. Doch wir sehen es nicht und lachen noch ein paar Sekunden vor uns hin.

Donnerstag, 7. September 2017

X


Es ist dunkel. Langsam hörst du das Geräusch der Ursache, dann die Wirkung: langsam aufhellendes Licht, dass im Spot die Mitte der Bühne halbhell erleuchtet. Dann Musik. Heftige Klaviertöne, überwältigen langsam deine Gedanken, schmiegen sich an dich, lassen dich wieder los, wie in einem Tanz. Ziehen dich hoch von deinem Stuhl, packen dich an deiner linken Schulter, ziehen an ihr, dass du dich drehst. Ein Akkord greift deine rechte Hand, der nächste zieht dich wieder ran, die Melodie streichelt über deinen Kopf hinweg, du neigst deinen Kopf nach hinten um mit deinem Blick ihr zu folgen. Ihr seid in diesem Tanz gefangen, die Musik gibt den Takt vor, sie führt dich, dreht dich, überwältigt dich, du bist frei, du schreist und lachst. Du weinst als tiefe Töne sich im Melodieverlauf zu Mollklängen verbinden, du lachst glücklich, als die Musik deine Trauer davon spült, du fühlst Katharsis. Die Musik führt dich langsam zu Boden, dann wieder hinauf, und zurück auf deinen Stuhl, wo du schwer atmend sitzen bleibst. Auf der Bühne im hellgrünen Licht hat Sie begonnen zu tanzen. Zunächst nur mit ihren kleinen Füßen, das Kleid mit zwei zärtlichen Händen leicht angehoben. Es ist weiß. Das spielt eine Rolle. Dann beginnt sie sich zu drehen, springt in die Höhe, der Tanz beginnt, wie der deinige. Sie lacht, sie weint, die stöhnt, von der Musik geführt, im Raum hin und her geworfen. Nur diesmal darfst du zusehen, dein Blick zieht immer mehr in sich hinein, nimmt alles auf, schaut unter ihr Kleid, als es vom Wind hochgewirbelt wird. Du verlierst dich in ihren Augen, ihr braunes Haar umspielt dich, kitzelt dich, ihre Hände berühren dich. Bei ihrem nächsten Lachen lachst du mit. Sie springt in die Höhe, kommt leichtfüßig wieder auf, bei ihrem nächsten Weinen, weinst du mit. Sie zieht ihr Kleid absichtlich etwas höher, als es notwendig wäre, um nicht darauf zutreten als sie tänzelnd einige Schritte macht um sich wieder zu drehen, bei ihrem nächsten Stöhnen, stöhnst du mit. - Du machst die Musik nicht aus, als du auf die Bühne steigst, um das Kitzeln ihrer Haare und die Berührung ihrer Hände wahr zu machen. Du umfasst sie, ziehst sie zu dir und ihr Kleid langsam aus, küsst sie. Du weiß nicht, ob sie es will, aber die Musik scheint es von dir zu wollen. Du weißt in dir, dass du es bist, dein Verlangen, deine Liebe, dein Trieb. Jetzt hat ihr weißes Kleid rote Flecken, es hat eine Rolle gespielt und du gehst zufrieden schlafen.

Montag, 4. September 2017

IX

Du stehst am weiten im Sturm empörten Meere. Die Natur ist in stürmischer Bewegung; Hell-dunkel durch drohende schwarze Gewitterwolken; ungeheure nackte, herabhängende Felsen, welche durch ihre Verschränkung die Aussicht verschließen; rauschende, schäumende Gewässer. Häuserhohe Wellen steigen und sinken gewaltsam gegen schroffe Uferklippen geschlagen, spritzen sie den Schaum hoch in die Luft, der Sturm heult, das Meer brüllt, Blitze aus schwarzen Wolken zucken, Donnerschläge übertönen Sturm und Meer und Wehklage der durch die Schluchten streichelnden Luft. Und wie du dort stehst wird dir das verschwindende Nichts, dass du bist schmerzlich bewusst. Die ganze Nichtigkeit deiner Individualität trifft dich, wie der noch eben ohrenbetäubende Donnerschlag des dich umschließenden Gewitters. Die Größe, Zerstörungswut und -kraft der Natur, hält dich in den Händen, du bist ihr preisgegeben, abhängig und hilflos. Aber was hab ich zu verlieren, als das mir gerade jetzt bewusstwerdende nichtige Dasein als Individuum, wenn ich als Ausgleich für wenige Augenblicke Träger dieses Anblicks sein kann?

VIII


Ich sitze auf meiner Fensterbank. Eine Zigarette in meinem Mund, Musik aus meinen Lautsprechern schwebend und starre müde über die Straße mir gegenüber. Der Lärm, bei jedem vorbeifahrendem Auto ist ohrenbetäubend. Ein Auto nach dem anderen, kein Augenblick Ruhe. Kein Augenblick der Stille. - Nur Lärm. Ich brauche keine Angst zu haben, dass mich jemand so sehen könnten. Ich beobachte die vorbeilaufenden Menschen. Wie sie genau wissen, wo sie hinlaufen. Wie sie genau wissen, in welcher Geschwindigkeit sie Schritt für Schritt Fuß vor Fuß setzten müssen, um anzukommen. Wie ihre Gedanken von dem bevorstehenden Termin eingenommen sind. Ihre Blicke starr nach vorne, ihre Konzentration gefasst und ihre Gedanken in sinnlose Schleifen blickend. Diese Leute, die an meinem Fenster vorbeigehen. Diese Menschen in den Autos. Dieser Lärm und Gestank. Und trotzdem, trotzdem plagt sie kein unangenehmer Gedanke. Sie laufen geradewegs geradeaus, unbekümmert oder besser nichtbekümmert, denn es gibt kein Kümmern, nur Tätigkeit, denn das reine Glück hebt jegliches Glück auf. Für glückliche Menschen gibt es kein Glück mehr. Und ich sitze hier mit meiner Zigarette, höre den Lärm, sehe die Menschen, spüre die Musik und die Leidenschaft bringt mich um.

Freitag, 1. September 2017

VII


Vor den beiden lag ein großer See. Die sich ankündigende tief orangene Abendsonne zeichnete Bäume, Sträucher und die tief blaue Reflexion des halb -nacht Himmels auf dessen Oberfläche. Der See war spiegelgleich, eben und kaum eine Welle malte sich auf ihm ab. Fast schon zu glatt, wie von Menschenhand gemacht. Als hätte man alles, das Unruhe auf diese Oberfläche bringen könne versiegelt und getötet. Das Bild stand also im Widerspruch zwischen Lebendigkeit, naturbelassener Schönheit und gewollter, menschlicher Perfektion, als wäre es in Wirklichkeit tot. Und diese menschliche Perfektion, diese spiegelglatte Oberfläche wurde jetzt durchbrochen, als die beiden sich auszogen, in den See sprangen und sofort heftige Wellen in diese endlose Ruhe brachten, das Wasser heftig aufwühlten und wiederbelebten, als erwachte es aus einem endlosen Schlaf. Vor ihrer Nacktheit sich schämend blickten sie sich lange nicht an, blieben Unterwasser, schwammen und starrten um sich herum, künstlich ihre Blick in die Weite schweifen lassend. Bis sie vorsichtig und schüchtern lächelnd aber mit ihren Blicken gierig die bloße Haut des jeweils anderen verschlungen und in sich aufnahmen. Sie schwammen ein Stück, kamen sich näher, berührten sich, - trieben endlich die Wassermassen auseinander um ihre Körper aneinander zu pressen. Sie lachten, lösten sich voneinander, bespritzten sich mit Wasser. Und beide spürten den bebenden Widerspruch zwischen Leben, Lust und Liebe gegen die Angst, die beide tief in sich spürten, das unüberwindbare Bewusstsein der Grenze, die sie überschritten hatten. Und am Ende trieben sie beide wie zwei Tote im Wasser. Ja, man hätte sie für Leichen gehalten und für Leichen halten wollen, trotz und gerade weil sich sich in diesem Moment so lebendig fühlten, wie noch nie.