„Nimmst
du uns mit? Frankfurt am Main.“
Zwei
junge Menschen standen an meiner runter gekurbelten Autoscheibe auf
der Beifahrerseite. Ich weiß nicht genau, wieso ich angehalten
hatte. Hitchhiking erschien mir immer als eine merkwürdige
rebellische Attitüde, die ich vor allem für gefährlich und zu
unkonventionell oder proletarisch hielt. Aber dieser Junge hatte
etwas an sich, dass ich schon im Fahren langsamer wurde, als ich ihn
nur gesehen hatte, ohne zu wissen, dass er etwas von mir wollte.
Dann, als ich sah, dass er seinen Daumen raus gestreckt hatte und
offensichtlich darauf wartete, dass ich anhalten würde, hielt ich.
Ich ließ das Fenster herunter. Dann kam diese Frage, die ich hätte
erahnen können und gleichzeitig nicht erwartet hatte. Ich fühlte
eine Art längst vergangener Aufregung und mein Herz klopft. Seine
Stimme war warm. Seine großen Augen langen ruhig auf meinem Gesicht
und der selbstsichere, kecke Ton seiner Stimme klang noch nach,
während ich schüchtern und verlegen antwortete er könne
einsteigen. „Wir sind zu zweit, dass passt Ihnen?“, seine Augen
funkelten und es lag eine leichte scherzhafte und kaum zu bemerkende
Ironie in seinem Tonfall. „Ja, natürlich.“ Ich hatte seine
Begleiterin ganz vergessen. Mein Herz raste, als diese beiden Fremden
die Türen meines Autos öffneten, ihr Gepäck in meinen Kofferraum
schmissen und nach dem Einsteigen die Türen zuknallen ließen. Er
saß vorne, neben mir auf dem Beifahrersitz, sie hinten, hinter ihm.
Ich starrte nach vorne, beide Hände am Lenker und wagte nicht zur
Seite oder nach hinten und ihn oder sie anzuschauen, spürte aber
seinen Blick, wie er erneut mit dieser Mischung aus Selbstbewusstsein
und kecker Ironie auf meine Gesicht lag. Bis ich begriff, dass ich
mit den Händen am Lenker, nach vorne starrend in meinem Auto saß,
aber noch nicht losgefahren war. Ich legte hastig den Gang ein und
fuhr unsicher, aber dann zunehmend aus meiner Zerstreuung aufwachend
selbstsicherer los. Es entwickelte sich ein vorsichtiges Gespräch.
Ob ich so was öfter tat – ich verneinte; wo die beiden herkamen –
Leipzig; ob ich auch nach Frankfurt müsse – nein, Koblenz zu
meiner Familie. Die beiden waren auf dem Weg nach Frankfurt, zu einer
Tagung gegen Antisemitismus. ‚Schon wieder so ein Begriff, der von
rebellischer, unkonventioneller Art zeugt und politisch viel zu
aufgeladen ist.“, dachte ich. Etwas gegen den Begriff
Antisemitismus zu haben,
zeugte nicht von irgendeiner besonderen, den beiden vielleicht
entgegengesetzter, politischer Einstellung. Vielmehr interessierte
ich mich nicht besonders für Politik, außerhalb der wichtigsten
europäischen und allgemein etablierten Politik. „Ist den
Antisemitismus noch ein relevantes Problem?“, fragte ich. Ich
spürte, dass sie von der Frage genervt war, er jedoch antwortete
völlig ruhig: „Von Antisemitismus oder zumindest strukturellem
Antisemitismus sind wir tatsächlich täglich umgeben. Dabei meine
ich nicht nur offensichtlich antisemitische Aussagen von zum Beispiel
rechten Politikern oder Nazis, sonder vor allem von – und das ist
das große Problem – sich als links bezeichnende
Kapitalismuskritikern. Großunternehmer oder führende Politiker mit
Hakennasen und Vampir-Zähnen dazustellen, Bänker verteufeln,
Machthaber mit Spinnen oder Kranken vergleichen oder diverse
Verschwörungstheorien, all dass greift meist auf offensichtlich
antisemitisch Vorurteile, oder Bilder zurück.“ Die Worte die er
benutzte, Kapitalismus, Nazis, Großunternehmer, hätten mich in
jedem anderen Gespräch, mit jedem anderen Diskussionspartner, die
Diskussion beenden lassen. Sich über Nationalsozialisten und
Kapitalismus zu unterhalten war mir so fremd, so abwegig. Aber bei
diesem Menschen, bei der Art und Weise, wie seine Stimme klang, wie
er mit den Betonungen spielte, mit der Ehrlichkeit und Lebendigkeit,
die seine Worte beflügelten und zuletzt dieses Funkeln in seinen
Augen immer, wenn ich zu ihm herüberblickte, ließen mich an seinen
Lippen hängen. Ich verzehrte förmlich die Worte, die er sprach. Ich
verstand, was er sagte und er überzeugte mich, aber es war viel mehr
das Farbenspiel, dass er durch seine Anwesenheit, seine Bewegungen
und Stimme vor mir ausbreitete, als die Worte selbst oder der Sinn
seiner Rede, auf das ich achtete. „Wie alt seid ihr zwei
eigentlich?“, fragte ich, bemüht sie mit in das Gespräch
einzubinden und einen freundlichen Eindruck zu machen. Er war 21,
sie war 20.
Ich
wusste nicht genau, was es mit diesem Jungen auf sich hatte, was mich
zu dieser Zerstreuung und Verlegenheit brachte, die ich spürte,
seitdem ich ihn an der Tankstelle stehen sah, die sich zunehmend
verstärkte, so länger er neben mir saß. Aber er hatte eine Art zu
sprechen und die Worte die
er sprach verleiteten mich unwillkürlich dazu ihn weiter reden hören
zu wollen und mein bisheriges Leben in Frage zu stellen. Diese beiden
Menschen rührten ein Gefühl von Fröhlichkeit und Aufregung in mir
auf. Aber das Gefühl einer höheren Zufriedenheit und einer Art
Bedeutung. Ich hatte einen Mann, zwei junge Kinder, behielt mir aber
meine Berufstätigkeit bei und reiste geschäftlich viel in der Welt
herum. Ich hatte viele Freunde, ging gelegentlich in die Oper und
traf einflussreiche Menschen auf Diners. Wir hatten ein schönes Haus
in Koblenz gekauft und lebten ein vergnügtes Leben. Mein Job nahm
viel Zeit in Anspruch aber er machte mir Spaß und ich empfand ihn
als wichtig und richtig. Nie hatte ich darüber nachgedacht, dass es
ein falsches Leben sein könnte, das ich führte. Aber diese Menschen
weckten in mir das Gefühl, dass ich ein Zahnrad in dem Getriebe
einer großen Uhr war. Vielleicht kein unbedeutendes Zahnrad, quasi
ein großes, glückliches Zahnrad, aber das Zahnrad einer Uhr, die
sich in die falsche Richtung drehte, ohne dass es jemand bemerkte.
Und ich hatte meinen Anteil daran, und schien nicht nur nicht zu
merken, dass sich die Zeiger auf dem Ziffernblatt verkehrt bewegten,
sondern hatte mir – was viel schlimmer war – offensichtlich noch
nie Gedanken darüber gemacht wohin sie sich überhaupt
drehten.
Die
weitere Fahrt über lachten wir viel, sie erzählten mir Geschichten
ihrer Reise, ich ihnen etwas von meinem Beruf. Meinen Körper
durchfloss fortwährend dieses Gefühl der Wärme und des Glücks,
dass du spürst, wenn du mit wildfremden Menschen eine tolle Zeit
verbringst. Die anfängliche Angst, mein Zögern und meine Vorurteile
gegen Hitchhiking verschwanden langsam und waren schließlich, als
wir im Baumweg 10 in Frankfurt ankamen, völlig verschwunden. Die
beiden bedankten sich, nahmen ihre Rucksäcke und Taschen aus dem
Kofferraum und mit dem Zuknallen der letzten offenen Tür waren sie
verschwunden. Jetzt war ich allein mit dem Geräusch des Motors in
meinem Auto. Ich fühlte mich eigenartig lebendig und als ich losfuhr
legte ich eine alte CD ein, die ich lange nicht mehr gehört hatte
und ließ mich von der Musik treiben. Nur das Bewusstsein diesen
jungen Menschen nicht mehr wiederzusehen quälte mich ein wenig. Aber
sanft und unbestimmt. Ich war froh Fabian
und Carla
mitgenommen zu haben und rekapitulierte unsere gemeinsame Fahrt, bis
ich in Koblenz ankam.