Ein Zimmer. Man unterhält sich. Gedimmtes Licht. Vielleicht einige
Kerzen. Oder eine Lichterkette? Musik, aber leise und ruhig, dass man
einander versteht. Und inmitten dieser Gespräche, schauen sich zwei
der Menschen, nach einem eben gesprochenen Satz an. In die Augen. Für
niemanden war der Satz wichtig, niemand hat wirklich auf ihn gehört,
alle reden und lachen weiter. Nur diese zwei Menschen sind für
einige Augenblicke wie eingefroren. Und ihre Blick zeigen sich
gegenseitig, dass beide genau wissen, was der andere denkt. Momente,
Erinnerungen, Gefühle, Gedanken, Bilder, Szenen, die beide erlebt
haben tauschen sich zwischen beiden aus. Mit diesem einen Blick, in
diesen wenigen Sekunden, die sie sich anschauen. Niemand wird es
bemerkt haben, für niemanden spielt es eine Rolle. Aber diese Blicke
erscheinen manchmal, wie das Erstaunlichste, wozu der Menschen fähig
ist. Diese wenigen Sekunden, die eine Bedeutung haben, die sich außer
der sich Anschauenden niemand vorstellen kann.
Dienstag, 19. September 2017
Sonntag, 17. September 2017
XII - Der Quäler
Auf einer Lichtung bei Nacht stehen zwei Männer und eine Frau, alle
in dunklen Klamotten. Einer der Männer ist mit dicken braunen Seilen
an einen Baum gebunden und schreit laut vor heftigen Schmerzen, dass
seine Stimme schrill durch den Wald schallt. Der andere Mann hält
der Frau eine Zange hin. Der Zangenkopf ist aus dunklen Metall und
schon halb verrostet, die Griffe sind aus rotem Plastik. Die Frau zögert
kurz, nimmt dann aber entschlossen die Zange und ihre eben
schüchternen Augen fangen an zu leuchten. Sie nähert sich mit ihren
vollen roten Lippen, ihrem sanften, spitzen weißen Gesicht den
Lippen des an den Baum gefesselten Mannes, küsst ihn vorsichtig, als
er erwidert fester und lustvoll. Dann zieht sie ihr Gesicht plötzlich
zurück, umfasst mit ihrer linken Hand seinen Kiefer, hält ihn fest,
steckt die Zange in seinen Mund und packt mit ihr seine Zunge. Sie
drück feste zu und ihr Blick schreit vor tiefer Lust und Gier, als
er laut weinend und schmerzverzerrt zu schreien beginnt. Sie zieht
fester an der Zange, bis sie endlich die Zunge aus dem Mund des
Mannes reißt. Seine Augen sind wie die eines Wahnsinnigen
aufgerissen, er will erneut schreien, aber kein Ton entspringt seinem
Mund. Der dritte Mann lächelt voll Genugtuung, als er sieht, wie die
Frau vollkommen entfesselt ihre ganze Freiheit und Macht spürend
zuerst mit dem verrosteten Metall der Zange auf des gefesselten
Gesicht einschlägt, ihm dann die Augen mit ihren Finger aussticht,
dass ihre Hände und Arme bald blutüberströmt im Mondscheinlicht
dunkelrot schimmern und sie ihn schließlich, mit Fäusten, Knien und
der tödlich mit ihren Händen sehnsüchtig und gierig umfassten
Zange, als wollte sie sie nie wieder verlieren, den Mann zu Tode
prügelt, bis sein Leichnam leblosen in den Seilen hängt. Sie reißt
nochmals sein entstelltes Gesicht an ihres heran, fühlt den
gebrochenen Kiefer, sieht die leeren, kaputten Augen, die selbst
nichts mehr sehen und zwingt den toten Lippen einen Kuss auf, den sie
genießt, wie sie noch nie in ihrem Leben etwas genossen hat. Die
Vögel die nachts in ihren Bäumen sitzen und das Mondscheinlicht
genießen stimmen gemeinsam ein Lied an:
Über
allen Wipfeln ist Ruh
In
den Gipfeln spürst du
Kaum
einen Hauch.
Sonntag, 10. September 2017
XI
Mittlerweile sind wir zwei nicht mehr alleine. Wir sind viele
geworden. Wir sitzen um ein kleines Lagerfeuer, die Flammen wärmen
die um uns herum und sich immer wieder an uns heranschleichende Kälte
auf, lassen uns gegenseitig uns und unsere Gesichter erkennen. Man
kann abwechselnd und durcheinander unsere Münder auf und zu gehen
sehen, während wir diskutieren und jeder Beitragen will. Dazu
trinken wir Rotwein. Ich liege, meinen Kopf auf den kalten Boden
gelegt und starre in die Tiefe des Sternenhimmels. Man kann die
Milchstraße sehen, einzelne Sternbilder erkenne ich wieder, aber das
interessiert mich nicht. Es ist das ganze Bild und während ich mich
ganz in diesem Bild verliere, komme ich mir so unendlich klein vor;
lenke ich meinen Verstand dann wieder auf die gesprochenen, manchmal
halb geflüsterten Worte, werde ich mir wieder meiner Selbst und dem
Leben bewusst. Es ist eine feine Ambivalenz. Hin und wieder ertaste
ich ihre Hand und ohne uns anzuschauen fahren wir gegenseitig über
unsere Haut, und fühlen die uns längst bekannten Unebenheiten. Das
Feuer, die uns umschließende Kälte, der Sternenhimmel, ihre
Berührungen. Ich lächele, als ich mir vorstelle das uns am Feuer
sitzend und all diese Einzelheiten beobachtend jemand zuschaut. Mir
ist nicht bewusst, dass diese von außen schauenden Betrachter nicht
weit entfernt stehen. Aber sie sehen nicht die Einzelheiten, die ich
sehe und kommen langsam näher. Wie immer dunkel gekleidet, mit
Helmen, Schutzweste und Schlagstock. Doch wir sehen es nicht und
lachen noch ein paar Sekunden vor uns hin.
Donnerstag, 7. September 2017
X
Es ist
dunkel. Langsam hörst du das Geräusch der Ursache, dann die
Wirkung: langsam aufhellendes Licht, dass im Spot die Mitte der Bühne
halbhell erleuchtet. Dann Musik. Heftige Klaviertöne, überwältigen
langsam deine Gedanken, schmiegen sich an dich, lassen dich wieder
los, wie in einem Tanz. Ziehen dich hoch von deinem Stuhl, packen
dich an deiner linken Schulter, ziehen an ihr, dass du dich drehst.
Ein Akkord greift deine rechte Hand, der nächste zieht dich wieder
ran, die Melodie streichelt über deinen Kopf hinweg, du neigst
deinen Kopf nach hinten um mit deinem Blick ihr zu folgen. Ihr seid
in diesem Tanz gefangen, die Musik gibt den Takt vor, sie führt
dich, dreht dich, überwältigt dich, du bist frei, du schreist und
lachst. Du weinst als tiefe Töne sich im Melodieverlauf zu
Mollklängen verbinden, du lachst glücklich, als die Musik deine
Trauer davon spült, du fühlst Katharsis. Die Musik führt dich
langsam zu Boden, dann wieder hinauf, und zurück auf deinen Stuhl,
wo du schwer atmend sitzen bleibst. Auf der Bühne im hellgrünen
Licht hat Sie begonnen zu tanzen. Zunächst nur mit ihren kleinen
Füßen, das Kleid mit zwei zärtlichen Händen leicht angehoben. Es
ist weiß. Das spielt eine Rolle. Dann beginnt sie sich zu drehen,
springt in die Höhe, der Tanz beginnt, wie der deinige. Sie lacht,
sie weint, die stöhnt, von der Musik geführt, im Raum hin und her
geworfen. Nur diesmal darfst du zusehen, dein Blick zieht immer mehr
in sich hinein, nimmt alles auf, schaut unter ihr Kleid, als es vom
Wind hochgewirbelt wird. Du verlierst dich in ihren Augen, ihr
braunes Haar umspielt dich, kitzelt dich, ihre Hände berühren dich.
Bei ihrem nächsten Lachen lachst du mit. Sie springt in die Höhe,
kommt leichtfüßig wieder auf, bei ihrem nächsten Weinen, weinst du
mit. Sie zieht ihr Kleid absichtlich etwas höher, als es notwendig
wäre, um nicht darauf zutreten als sie tänzelnd einige Schritte
macht um sich wieder zu drehen, bei ihrem nächsten Stöhnen, stöhnst
du mit. - Du machst die Musik nicht aus, als du auf die Bühne
steigst, um das Kitzeln ihrer Haare und die Berührung ihrer Hände
wahr zu machen. Du umfasst sie, ziehst sie zu dir und ihr Kleid
langsam aus, küsst sie. Du weiß nicht, ob sie es will, aber die
Musik scheint es von dir zu wollen. Du weißt in dir, dass du es
bist, dein Verlangen, deine Liebe, dein Trieb. Jetzt hat ihr weißes
Kleid rote Flecken, es hat eine Rolle gespielt und du gehst zufrieden
schlafen.
Montag, 4. September 2017
IX
Du stehst am weiten im Sturm empörten Meere. Die Natur ist in
stürmischer Bewegung; Hell-dunkel durch drohende schwarze
Gewitterwolken; ungeheure nackte, herabhängende Felsen, welche durch
ihre Verschränkung die Aussicht verschließen; rauschende,
schäumende Gewässer. Häuserhohe Wellen steigen und sinken
gewaltsam gegen schroffe Uferklippen geschlagen, spritzen sie den
Schaum hoch in die Luft, der Sturm heult, das Meer brüllt, Blitze
aus schwarzen Wolken zucken, Donnerschläge übertönen Sturm und
Meer und Wehklage der durch die Schluchten streichelnden Luft. Und
wie du dort stehst wird dir das verschwindende Nichts, dass du bist
schmerzlich bewusst. Die ganze Nichtigkeit deiner Individualität
trifft dich, wie der noch eben ohrenbetäubende Donnerschlag des dich
umschließenden Gewitters. Die Größe, Zerstörungswut und -kraft
der Natur, hält dich in den Händen, du bist ihr preisgegeben,
abhängig und hilflos. Aber was hab ich zu verlieren, als das mir
gerade jetzt bewusstwerdende nichtige Dasein als Individuum, wenn ich
als Ausgleich für wenige Augenblicke Träger dieses Anblicks sein
kann?
VIII
Ich sitze auf meiner Fensterbank. Eine Zigarette in meinem Mund,
Musik aus meinen Lautsprechern schwebend und starre müde über die
Straße mir gegenüber. Der Lärm, bei jedem vorbeifahrendem Auto ist
ohrenbetäubend. Ein Auto nach dem anderen, kein Augenblick Ruhe.
Kein Augenblick der Stille. - Nur Lärm. Ich brauche keine Angst zu
haben, dass mich jemand so sehen könnten. Ich beobachte die
vorbeilaufenden Menschen. Wie sie genau wissen, wo sie hinlaufen. Wie
sie genau wissen, in welcher Geschwindigkeit sie Schritt für Schritt
Fuß vor Fuß setzten müssen, um anzukommen. Wie ihre
Gedanken von dem bevorstehenden Termin eingenommen sind. Ihre Blicke
starr nach vorne, ihre Konzentration gefasst und ihre Gedanken in
sinnlose Schleifen blickend. Diese Leute, die an meinem Fenster
vorbeigehen. Diese Menschen in den Autos. Dieser Lärm und Gestank.
Und trotzdem, trotzdem plagt sie kein unangenehmer Gedanke. Sie
laufen geradewegs geradeaus, unbekümmert oder besser nichtbekümmert,
denn es gibt kein Kümmern, nur Tätigkeit, denn das reine Glück
hebt jegliches Glück auf. Für glückliche Menschen gibt es kein
Glück mehr. Und ich sitze hier mit meiner Zigarette, höre den Lärm,
sehe die Menschen, spüre die Musik und die Leidenschaft bringt mich
um.
Freitag, 1. September 2017
VII
Vor den beiden lag ein großer See. Die sich ankündigende tief
orangene Abendsonne zeichnete Bäume, Sträucher und die tief blaue
Reflexion des halb -nacht Himmels auf dessen Oberfläche. Der See war
spiegelgleich, eben und kaum eine Welle malte sich auf ihm ab. Fast
schon zu glatt, wie von Menschenhand gemacht. Als hätte man
alles, das Unruhe auf diese Oberfläche bringen könne versiegelt und
getötet. Das Bild stand also im Widerspruch zwischen Lebendigkeit,
naturbelassener Schönheit und gewollter, menschlicher Perfektion,
als wäre es in Wirklichkeit tot. Und diese menschliche Perfektion,
diese spiegelglatte Oberfläche wurde jetzt durchbrochen, als die
beiden sich auszogen, in den See sprangen und sofort heftige Wellen
in diese endlose Ruhe brachten, das Wasser heftig aufwühlten und
wiederbelebten, als erwachte es aus einem endlosen Schlaf. Vor ihrer
Nacktheit sich schämend blickten sie sich lange nicht an, blieben
Unterwasser, schwammen und starrten um sich herum, künstlich ihre
Blick in die Weite schweifen lassend. Bis sie vorsichtig und
schüchtern lächelnd aber mit ihren Blicken gierig die bloße Haut
des jeweils anderen verschlungen und in sich aufnahmen. Sie schwammen
ein Stück, kamen sich näher, berührten sich, - trieben endlich die
Wassermassen auseinander um ihre Körper aneinander zu pressen. Sie
lachten, lösten sich voneinander, bespritzten sich mit Wasser. Und
beide spürten den bebenden Widerspruch zwischen Leben, Lust und
Liebe gegen die Angst, die beide tief in sich spürten, das
unüberwindbare Bewusstsein der Grenze, die sie überschritten
hatten. Und am Ende trieben sie beide wie zwei Tote im Wasser. Ja,
man hätte sie für Leichen gehalten und für Leichen halten wollen,
trotz und gerade weil sich sich in diesem Moment so lebendig fühlten,
wie noch nie.
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