Donnerstag, 31. August 2017

VI


Ich sitze in einem großen Zelt. Eine bunte Discokugel dreht sich schnell und erzeugt ein unruhiges Bild. Meine Gedanken fliegen hin und her geworfen vom Takt der neben mir spielenden Gitarre. Der Rauch meiner Zigarette streichelt zärtlich an die Zeltdecke aufsteigend mein Gesicht, während Rotwein meine Lippen, Zunge und Kehle benetzt. Ich weiß, was ich tue, ich bin mir allem bewusst, ich weiß, was ich tue, dass es verboten ist. Aber was ist ein Gebot als ein Zeichen einer – vielleicht bald vergangenen – Zeit. Dennoch wird mir schwindelig, die heftig hervor strömenden Wörter, meines Kopfes sprudeln schneller werdend, drängen auf Papier gebracht zu werden und mir wird übel. Will ich mich schlafen legen? Nein, ich stehe auf, bewege mich langsam rasend werdend durch das Zelt. „Was ist?“ Ich antworte nicht und trinke noch einen Schluck. Es macht es schlimmer. Vernebelt, düster und unklar werden meine Gedanken. Ist das Rausch? Wo ist die Musik? Macht die Lichter aus! Zündet Kerzen an! Wo ist sie? Dann sinke ich stumm zu Boden. Ich wollte zu Boden sinken.

Dienstag, 29. August 2017

V


Wir liegen zu zweit dicht aneinander zwischen Decken und Stoffen, halb angekleidet in meinem Bett. Draußen hört man den Lärm der Innenstadt und großen Straßen durch das halb geöffnete Fenster. Eben hatte wir noch zärtlich uns vorsichtig unsere Körper gestreichelt, die Stellen, wo sich unsere nackte Haut zeigte und Gänsehaut durchfuhr wieder und wieder meinen Rücken, Arme und Schultern. Jetzt hatte sie ihre Augen geschlossen. Ihre Hand lag auf der Innenseite meines Unterarms, umfasste ihn zärtlich und leicht, ihr Kopf lag auf ihrem zweiten Arm. Mein Gesicht war dem ihrem so nah, dass es gerade reichte, ihres scharf und in Gänze zu sehen, ohne mit den Augen zu sehr mich anstrengen zu müssen. Dann zuckte ihre auf meinem Arm liegende Hand kaum merklich und ich wusste sie würde bald einschlafen. Sie schlief schnell ein, das erste Anzeichen war immer ein kurzes Zucken. Ein zweites Zucken, kurz danach, ihr Atem wurde ruhig und gleichmäßig, ihre Augen waren schon lange geschlossen. Meine lagen auf ihrem Gesicht versucht, die Form, die Farben, ihre Haare, ihre Augenbrauen, ihre Lippen ganz aufzunehmen, ganz zu begreifen und mir kamen Zeilen und Verse in den Kopf, sie dichtend zu zeichnen - als sie plötzlich ihre Stirn in Falten legte. Nur für einen kurzen Augenblick, dann war ihr Gesicht wieder ruhig, sanftmütig und eben. Und ich begriff, dass sie träumte. Und da konnte ich nicht mehr wegschauen. Die Gedanken an Zeilen und Verse verschwanden. Ich begriff, dass ich hier, von außerhalb, neben ihr liegend, ihren Traum verfolgen konnte. Ein Ort, an dem jeder Mensch noch fühlen kann, noch frei ist, noch lieben und begehren kann. Und ein Mensch, ich, kann gerade jetzt einmal verfolgen, und sehen, diese zweite Welt, die in allen Menschen verborgen liegt, die niemand jemals wagen würde aus sich heraus zu lassen. Und ich sah bald ein verliebtes Lächeln, bald wieder Falten auf der Stirn, vernahm ein Zucken des ganzen Körpers, ein Ekel zeigendes verziehen des Mundes, und schließlich wieder ein Spiel ihrer Lippen, ein Lächeln und dann eine schwere Träne, aus ihrem Auge herauskullernd, ihre Wangen herunter, kurz ihre Lippen benetztend, dann fallend und auf meiner Hand in tausend kleine Teilchen zerspringen.

Montag, 28. August 2017

IV


Ringsherum liegt alles in Schutt und Asche. Einige zerstörte und in Flammen stehende Gebäude in der Ecke, Kaputte Autos auf den Straßen und die letzten Gestalten ziehen ihre Masken ab und laufen mit todmüden Augen, gesenktem Kopf und leerem Blicke die ansonsten verlassenen, traurig und düster wirkenden Straße herunter und der eben noch in heller Euphorie bebender Platz bleibt einsam und bedrückend zurück. Bis auf zwei Menschen, die sich aus zwei entgegengesetzten Seiten langsam näherkommen. Sie beide schwarz gekleidet. Kurze schwarze Haare, in einem zerrissenen schwarzen Kleid, kommt sich vorsichtig tastend und über die Trümmern laufend einer der beiden von links. In engen Hosen, mit zerrissenem Hemd und langen brauen Haaren kommt der andere der beiden von rechts. Sie treffen sich in der Mitte strecken ihre Hände nacheinander aus, zunächst nur die Haut ihrer Fingerspitzen, dann beide Hände berühren sich vorsichtig und sehnsüchtig. Sie fassen sich sanft halb auf den Hals, halb an die Wangen und ihre Körper kommen sich zitternd immer näher, bis sie sich endlich beinah bebend aneinander drücken. Ihre Gesichter kommen sich näher, beinah unerträglich halten sie sich kurz auf Abstand, um den Moment herauszuzögern, als würden sie sich fürchten, weil sie etwas verbotenes, fremdes und gefährliches tun, bis sich ihre Lippen endlich und heftig, feste, alle Angst und Zurückhaltung fortwerfend aufeinander pressen.

Sonntag, 27. August 2017

III


Gruselig tropft dicker Regen gegen die Glasscheibe eines Dachfensters, welches das letzte schwache Tageslicht in ein kleines Zimmer gleiten lässt. Das Zimmer steht leer, bis auf einen hölzernen Schreibtisch, darauf einige Blätter weißes Papier, eine Glasfeder, ein mit schwarzer Tinte gefülltes Tintenfass und ein halb ausgetrunkenes Glas Rotwein, davor ein Stuhl, ansonsten ist alles leer. Auf dem Stuhl sitzt ein junger Mann. Er sitzt hier schon lange. Starrt das Blatt an, wischt sich mit dem Handrücken seiner dünnen großen Hände etwas Schweiß von der Stirn, greift hin und wieder gedankenverloren aber scheinbar auf etwas konzentriert nach dem Glas Rotwein, trinkt bald einen Schluck, stellt es bald von seinen Lippen unberührt wieder hin und erschrickt nicht, als der erste Blitz des Gewitterabends das Zimmer kurz vollständige erhellt, dass noch einige verwelkte Rosen nebst Spinnweben in den Zimmerecken zu erkennen sind. So sitzt er schon lange da. Er hat wenig gegessen und muss ständig husten. Er hat lange nichts mehr zu Papier gebracht, obgleich er es sich immer zu vornimmt, darum sitzt er hier alleine und einsam vor dem leeren Blatt Papier beim halbdunklem, halbhellem Resttageslicht, dass durch die Glasscheibe eines Dachfensters scheint. Hin und wieder stellt er sich vor, wie eine Freundin anruft. Wie er ihre sanfte Stimme am Telefon vernimmt und auf die erste Frage antwortet mit ich bin sehr krank. Obgleich er nicht sehr krank war.

Donnerstag, 24. August 2017

II


Eine einzige lange schmale Kerze gesteckt auf eine leere bauchige Weinflasche aus grünem Glas erhellt das Zimmer und beleuchtet in organ- farbendem Licht die Seiten deines aufgeschlagenen Buches. Sanft bewegt sich die Flamme hin und her und wirft bald hier bald dort nach kurzem Aufhellen oder Abdunkeln neue Schatten. Du liegst in deinem Bett, die Decke ist unbezogen, deine Füße gucken hervor und empfangen eine leichte Kälte, die deinen Körper vorsichtig und sanft abkühlt von den Anstrengungen des Tages. Das schräg einfallende Licht hebt das Raue am Papier durch die winzigsten Schatten hervor, du erfreust dich des Gewichts des Buches und deine Augen wandern funkelnd über die schwarze Schrift. Aber ein unzufriedener Mensch neigt dazu, das, womit er unzufrieden ist einem anderen zum Vorwurf zu machen, besonders dem Menschen, der ihm am nächsten steht.

Mittwoch, 23. August 2017

I


„Hallo. Ich bin wieder da. Ihr habt mich begraben und verschüttet, aber ich bin wieder da. Ihr habt mich verdrängt, mich aus euren Gedanken verbannt, aber ich bin zurückgekehrt. Seit anbeginn eurer Zeit habt ihr mit mir gekämpft, habt euren Vater dafür getötet, dann euren Gott, und schließlich euer Gefühl. Ich seid mich losgeworden, ihr habt euch darum erfreut, wenn man das noch Freude nennen kann. Ihr hattet mich getötet, doch ich bin zurückgekehrt. Ja! Hört nun meine Stimme wieder, wie sie an eurer Schädeldecke frisst, wie sie euch verrückt macht. Wie sie euch schlaflose Nächte bereitet. Und gebt ihr schließlich nach, um in einem Jahr ein Mal ruhig schlafen zu können. Ich bin alles, was ihr verloren habt. Ich bin Kannibalismus, ich bin ein Mord, eine Vergewaltigung, ein zu heftiger Kuss. Ich bin ein warmer Atem, ich bin zärtlich streichelnde Hände. Ich bin der Gedanke an dieses kleine Kind in dem weißem Kleid. Und ich weiß, dass euch so heftig nach jedem meiner Fassetten es zieht. Ich bin wie Meeresmassen und ihr habt euren Damm zu weit nach vorne gelegt. Ich bin ein Feuer, dem ihr zu wenig Platz ließet, dass ich jetzt zum Vulkan über euch komme. Ich bin in euch allen, hört meine Stimme, freut euch meiner Rückkehr, ohne mich seid ihr so endlos langweilig!“

Lange nichts gehört

Wer noch ab und zu auf meinen Blog guckt, wird gesehen haben, dass ich lange nichts mehr gepostet habe. Das liegt vor allem daran, dass ich erst seit ca. einem Monat wieder regelmäßig zum Schreiben komme und noch daran, dass ich vieles, was ich aktuell schreibe nicht für geeignet halte hier zu posten.

Ich habe mich jedoch entschieden ein aktuelles Projekt von mir wieder hier zu teilen. Der vorläufige Projektname lautet "Kathasis" und es besteht aus vielen einzelnen Bildern.
Ich werde mich bemühen jeden Tag eines dieser Bilder hochzuladen. Ich hoffe es gefällt euch, viel Spaß beim lesen.


Jan