Samstag, 16. Juli 2016
Kapitel 8: Der Garten und dessen verlorene Geschichte (Teil 3)
Als die Stimme der Großeltern verklungen war, glitt Julés die Schriftrolle aus der Hand, viel laut auf den Boden und es fühlte sich wohl an, als sei man eine lange Zeit mit einem nebligen Schleier vor den Augen herumgelaufen, der plötzlich im Wind davon weht und einem nun alles wieder klar erscheint. Julés erinnerte sich wieder an das Dorf, an Vater und dann auch an Friis. Julés Gedanken fingen zu rasen an; Floré saß in der Nacht an der Lichtung, weil es Vollmond war – das war kein Zufall -, weil Floré jemanden suchte, um nicht mehr alleine zu sein. Und jetzt wo die Nacht zu Ende und der nächste Tag gekommen, jetzt fühlt es sich kalt an in Florés Nähe. Und Julés wurde klar, dass so wichtig es für Floré auch sein mochte Julés hier zu behalten, Julés Platz - falls es so etwas, wie ein Platz für jemanden überhaupt gibt - zumindest nicht hier und wenn, dann bei Friis war. Julés überlegte nicht weiter sondern rannte in die Richtung der Dornenhecke, vorbei an all den Blumen und Sträuchern, ihre Schönheit schien vergessen und nicht mehr wichtig zu sein, vorbei an den Bäumen, die Julés eben noch voller Begeisterung erkletterte, vorbei an dem marmornen Brunnen, vorbei an moosbewachsenen Steinstaturen immer weiter, bis Julés in der näherkommenden Ferne, aber noch ein Stück entfernt die Hecke sah. Julés spürte einen komischen Schmerz, der zu sagen schien „Geh nicht weiter!“, der mit jedem Schritt lauter und heftiger zu werden schien, doch mit jedem weiteren Schritt war es auch, als hörte man Friis rufen, immer wieder und lauter Julés Namen, als hörte man Friis weinen, und dann Schmerzensschreie - und dann Florés Stimme direkt hinter Julés, die alles zum Stehen brachte und eis-kalt sich anhörte: „Julés, tu das nicht. Bleib stehen“. Julés war stehen geblieben, Floré streckte, ebenfalls stehengeblieben aber noch ein paar Meter entfernt, erwartungsvoll eine Hand aus. Alles war still und es lag eine seltsam furchterregende Spannung in der Luft. Nur die Schreie und Rufe hörte Julés noch, aber irgendwie dumpfer und leiser, wie aus einem Traum.
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