Montag, 25. Juli 2016

Kapitel 9: Blut und Ohnmacht


„…Doch von heute an, wenn der Vollmond hoch über den Bäumen hängt, wenn die Nacht nur von dem bläulichen Licht ebenso hell erleuchtet scheint, wie von einem Schwarm Glühwürmchen, sollst du einmal im Monat nur für die wenigen Stunden der Nacht wieder so sein, wie früher - mit all deinem Wunder, mit all eurer Liebe, mit all deiner Schönheit. Und finden sich je wieder zwei zu einander passende Menschen in diesem Garten, soll er wieder aufstrahlen in dem alten Glanze. ‘ Und damit löste sich der Geist auf, nur noch der Klang seines Namens ‚Elpída‘ lag in der Luft. - Ach und da Kinder, fällt mir wieder ein, wie die beiden Menschen wirklich hießen, denn es wäre  freilich ein feiner Zufall, trügen sie tatsächlich eure Namen. Sysé und Floré hießen die Menschen, die in dem Garten lebten“.

Und da verklang auch für Friis die Stimme der Großeltern, nur die Schrift des letzten Absatzes schien noch zu schimmern, als wäre die Tinte feucht und einige Wörter kürzlich umgeschrieben worden.
Und Friis zögerte nicht lange und lief schnellen Schrittes durch ein Feld in die Richtung, in die Elpída Friis zu führen schien. Die Eifersucht, die Friis verspürt hatte, war gewichen – denn wie so oft, wenn einem die Eifersucht überkommt, reicht es häufig aus, die Dinge einmal von einer anderen Perspektive aus zu sehen und einem wird schnell klar, dass sie nichts als eine gar komische und im Grunde unbegründete Furcht und Angst zu verlieren ist. Und Friis nun statt Eifersucht Hoffnung aber zur selben Zeit auch Angst spürend, ließ all den neuen Gedanken freien Lauf; was würde Floré tun, um Julés bei sich zu behalten, wie weit würde Floré gehen? Würde Floré Julés verletzen? Würde Floré Julés überhaupt gehen lassen, selbst wenn Friis noch rechtzeitig ankäme?
Vor Friis erschien schon bald der Garten, von außen konnte man zunächst nur die hohen dornenbewachsene und dadurch recht bedrohlich dastehende Rosenhecken und dahinter einige prächtige Baumkronen sehen und Friis lief bald nach Julés rufend, bald schreiend mehrmals um den Garten herum, doch fand weder Eingang, noch Gehör.
Und als Friis schon bald nicht mehr zählen konnte, wie oft in zunehmender Verzweiflung eine weitere Runde um das Paradies gedreht war, hört Friis eiskalt, ruhig aber ganz deutlich hinter der Rosenhecke eine Stimme sprechen: „Julés, tu das nicht. Bleib stehen.“, und Friis spürte, wie alle Gliedmaßen heftig vor Angst zu zittern anfingen. Friis zwang sich bis ganz nah an die Hecke und rief mit aller Kraft durch sie hindurch „Julés! Julés! Hörst du mich?! Sag doch bitte etwas! So sag doch was!“ Doch statt Julés Stimme vernahm Friis unverständlich aber gruselig nur erneut die eiskalte Stimme, die Floré’s sein musste und Schreie von Julés, als wolle Julés sich von jemandem losreißen, als wüsste Julés um Friis Anwesenheit oder könnte zu mindestens die Rufe hören.
Friis griff plötzlich entschlossen in die Dornenhecke herein um einen Halt zu fassen und sich langsam hochzuziehen, während augenblicklich Dornen und Äste in seine Arme stachen. Friis biss die Zähne und kniff die Augen zusammen, sich zwingend weiter zu klettern, die Hecke herauf. Zwischen Friis Fingern tropfte das erste dicke, rote Blut, wo die Dornen sich zu tief bohrten. Friis Kopf begann sich schwer an zu fühlen, wie als wache man morgens mit starken Kopfschmerzen und dem benebelndem Gefühl von Schwindel auf. Schmerz spürte Friis kaum noch, aber mit jedem Tropfen Blut und jeder neue Dorne in Armen, Händen oder Fingern verließ Friis zunehmend Kraft und Energie und Friis Finger schienen sich im Weiterklettern kaum noch halten zu können.
Auf der anderen Seite der Hecke hatte Julés sich von Floré losgerissen und rannte nun gegen den mit jedem der Hecken näherkommenden Schritt größer und heftiger werdenden Schmerz  an, der eine Art Zauber des Paradieses war, um Julés davon abzuhalten den Garten zu verlassen oder gar Menschen außerhalb des Gartens wiederzusehen. Doch trotzdem stand Julés nun da – direkt an der Hecke, ebenfalls schwach und blass vor ständig stechenden Schmerzen - aber oben an der Hecke war Friis Gesicht zu sehen, Blut tropfte über Friis Augen und über ein unerklärliches, schmerzverzehrtes aber erleichtertes Grinsen. Julés stellte sich auf Zehnspitzen und streckte eine Hand aus, um sie Friis zu reichen, doch als ihre Finger sich gerade berühren wollten, stürzte Friis, Augen vor Erschöpfung beinahe geschlossen und endgültig kraftlos aber glücklich Julés noch einmal gesehen und beinah berührt zu haben, die Hecke herab und Julés brach schließlich, die Schmerzen nicht mehr aushaltend gleichzeitig und ohnmächtig in sich zusammen.

The End.


Samstag, 16. Juli 2016

Kapitel 8: Der Garten und dessen verlorene Geschichte (Teil 3)




Als die Stimme der Großeltern verklungen war, glitt Julés die Schriftrolle aus der Hand, viel laut auf den Boden und es fühlte sich wohl an, als sei man eine lange Zeit mit einem nebligen Schleier vor den Augen herumgelaufen, der plötzlich im Wind davon weht und einem nun alles wieder klar erscheint. Julés erinnerte sich wieder an das Dorf, an Vater und dann auch an Friis. Julés Gedanken fingen zu rasen an; Floré saß in der Nacht an der Lichtung, weil es Vollmond war – das war kein Zufall -, weil Floré jemanden suchte, um nicht mehr alleine zu sein. Und jetzt wo die Nacht zu Ende und der nächste Tag gekommen, jetzt fühlt es sich kalt an in Florés Nähe. Und Julés wurde klar, dass so wichtig es für Floré auch sein mochte Julés hier zu behalten, Julés Platz - falls es so etwas, wie ein Platz für jemanden überhaupt gibt - zumindest nicht hier und wenn, dann bei Friis war. Julés überlegte nicht weiter sondern rannte in die Richtung der Dornenhecke, vorbei an all den Blumen und Sträuchern, ihre Schönheit schien vergessen und nicht mehr wichtig zu sein, vorbei an den Bäumen, die Julés eben noch voller Begeisterung erkletterte, vorbei an dem marmornen Brunnen, vorbei an moosbewachsenen Steinstaturen immer weiter, bis Julés in der näherkommenden Ferne, aber noch ein Stück entfernt die Hecke sah. Julés spürte einen komischen Schmerz, der zu sagen schien „Geh nicht weiter!“, der mit jedem Schritt lauter und heftiger zu werden schien, doch mit jedem weiteren Schritt war es auch, als hörte man Friis rufen, immer wieder und lauter Julés Namen, als hörte man Friis weinen, und dann Schmerzensschreie - und dann Florés Stimme direkt hinter Julés, die alles zum Stehen brachte und eis-kalt sich anhörte: „Julés, tu das nicht. Bleib stehen“. Julés war stehen geblieben, Floré streckte, ebenfalls stehengeblieben aber noch ein paar Meter entfernt, erwartungsvoll eine Hand aus. Alles war still und es lag eine seltsam furchterregende Spannung in der Luft. Nur die Schreie und Rufe hörte Julés noch, aber irgendwie dumpfer und leiser, wie aus einem Traum.

Freitag, 15. Juli 2016

Kapitel 8: Der Garten und dessen verlorene Geschichte (Teil 2)


Und wie Julés so durch den Garten streifte, fand Julés auf einem alten moosbewachsenen Stein liegend eine rote Schriftrolle - verschlossen mit einem blauen Wachssiegel in der Form einer Rose. Julés zögerte zunächst, doch dann nahm und öffnete Julés die Schriftrolle langsam und während Julés die Wörter und Zeilen immer schneller eine nach der anderen und zunehmend erstaunt verschlag, war es als bräuchten Julés Augen gar nicht zu lesen, sondern als würde eine leise Stimme den Text vorlesen – die Stimme Friis Großeltern:

„Und dann Kinder, nachdem die blaue Rose verschwunden war, veränderte sich das Paradies auf einmal gar schrecklich und traurig; Zunächst fingen all die Blumen an zu welken, sogar die dicksten Äste der schönsten Bäume neigten sich dem Boden zu und aus den Rosenhecken wuchsen dicke, giftige Dornen und es ergab sich ein trostloses Bild. Ja mit diesem welk, dunkel und beängstigend Werden des Gartens verschwand schlagartig auch sein magisch-schöner Zauber und Besucher und Wanderer, die sonst so freudig ein und aus gingen, kamen keine mehr um sich zu erfreuen oder von ihrem täglichen Laster sich auszuruhen, sondern man begann große Bögen um den Garten herum zu gehen, denn er hatte nun etwas bedrohliches an sich, von dem man bemüht war Abstand zu halten. Und damit geriet das ehemals so bekannte und wunderbare Paradies in Vergessenheit.
Doch noch das Schlimmste geschah drei Tage nach dem die Gestalt zusammen mit der Rose aus dem Garten verschwunden war. Wie ihr wisst war bekannt, dass zwei Menschen (wie hatten wir sie noch gleich genannt? Richtig, wir nannten sie Friis und Julés) in dem Garten lebten, ihn pflegten und liebten, doch mit dem Verschwinden der Rose, geschah es bald, dass Friis schwer krank wurde und am Morgen des dritten Tages aus einem heißen Fieberschlaf nicht mehr aufwachte und sterben musste. Jetzt lebte nur noch Julés alleine und verlor in der Einsamkeit all die Ausstrahlung und Schönheit, grämte sich Tag ein Tag aus, wusste nichts mehr mit sich anzufangen und wanderte oft Stunden lang mit vernebeltem Blicke und  leeren Gedanken durch den Garten - verlorenen Erinnerungen hinterher trauernd.
So ging es eine Weile, vielleicht Wochen, Monate oder sogar Jahre. Doch dann an einem Tage – das Paradies sah nun ganz elend, verwachsen und traurig aus - als goldene Sonnenstrahlen durch die morgendlichen Nebel brachen, erschien vor dem kleinen Efeu-bewachsenen Haus eine Art Geist und begann leise zu Julés zu sprechen: ‚Lange wanderst du jetzt schon alleine durch deinen Garten, lange hängst du schon Erinnerungen nach, die Vergangenheit sind und bleiben werden und schon lange hat dich und eurem einst so schönen Paradies das Wunderbare, faszinierend Schöne verlassen. Dies ist kein Ort zum alleine sein, so lebte er doch stets von der Liebe zweier Menschen. Doch nun meiden die Menschen den Garten, er hat etwas Bedrohliches an sich und auch du - Julés - hast etwas an dir, das die Menschen zu meiden anfingen.
Doch von heute an, wenn der Vollmond hoch über den Bäumen hängt, wenn die Nacht nur von dem bläulichen Licht ebenso hell erleuchtet scheint, wie von einem Schwarm Glühwürmchen, sollst du einmal im Monat nur für die wenigen Stunden der Nacht wieder so sein, wie früher - mit all deinem Wunder, mit all eurer Liebe, mit all deiner Schönheit. Und finden sich je wieder zwei Menschen in diesem Garten, soll er wieder aufstrahlen in dem alten Glanze.‘ Und damit löste sich der Geist auf, nur noch der Klang seines Namens ‚Elpída‘ lag in der Luft. - Ach und da Kinder, fällt mir wieder ein, wie die beiden Menschen wirklich hießen, denn es wäre  freilich ein feiner Zufall, trügen sie tatsächlich eure Namen. Sysé und Floré hießen die Menschen, die in dem Garten lebten“.

Mittwoch, 13. Juli 2016

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Ich hab meinen Post von Monatg (Kapitel 8 - Teil 2) nochmal gelöscht, weil ich noch dieses oder jenes ändern will. (Wird die Tage wieder hochgeladen.) Es würde mich freuen, wenn auch die von euch, die den Teil gestern schon gelesen haben ihn sich dann in der veränderten Fassung nochmal anschauen. :) Für die Zwischenzeit hier ein kleines Gedicht. Vielleicht kommen morgen philosophisch-ökonomische Stichpunkte :)

There’s so much space, we don‘t use
Forgotten thoughts, forgetting thoughts
As we gross-
ly spread are crippled wings
Not to fly, but to fall
In alienation and non-thoughts
(While we continue filling our non-existenz
By following cunt laws)