Donnerstag, 24. März 2016

Kapitel 3: Ein zweiter Spaziergang (Teil 2)


Auch Julés stand am Fenster und schaute durch die Nacht, aber nicht zu Friis Haus herüber, sondern in Richtung Wald. Julés war, als sänge der Wald Lieder zum Dorf und zu Julés Fenster herüber und rufe in leisen Flötenmelodien „Wieso bist du gegangen?“ und „Hier ist alles so einsam“. „Weil es sich so gehört“, dachte Julés leise in sich hinein, „Abends muss ich zu Hause sein. Vater wartet und überhaupt...“ „Weil es sich so gehört? Julés, magst du nicht auch deine zotteligen Haare mehr, als deine glatten und träumst du nicht lieber vom Fliegen, als vom gehen?“ Und da fing Julés schüchtern an zu nicken, drehte sich entschlossen vom Fenster und leise, um Vater nicht zu wecken, schlich Julés durch die Zimmertür und dann die Treppe und den Gang hinunter aus dem Haus und trat erleichtert an die kühle Nachtluft. Kalt war Julés nicht. (Bis heute wusste Julés nicht, ob es wirklich eine Unterhaltung mit dem Wald gewesen war, oder sich nicht alles in Julés Kopf abgespielt hatte. So ist das eben machmal und seid ihr ehrlich zu euch selbst, geht es einem doch oft genauso.)
Julés ging bis zum Dorfrand und dann den selben Weg wie mit Friis durch das Feld bis in den Wald und bald über die trockenen Zweige und ersten Laubblätter auf die Lichtung. Die Lichtung lag, der Vollmond nun senkrecht über dem Wald stehend, jetzt komplett in blauem Mondlicht gehüllt so schön und still da. Bis auf eine bezaubernde Flötenmelodie, die sanft nur ein bisschen rau aus der Mitte der Lichtung an Julés Ohr drang. Denn dort auf dem großen Baumstumpf saß eine Gestalt in anmutigen Kleidern und mit einem weißen Umhang über den Schultern. Sie spielte mit geschlossenen Augen, ganz in die Musik vertieft Flöte und schaute, als Julés die Lichtung betrat auf, Julés direkt in die Augen.

Montag, 21. März 2016

Kapitel 3: Ein zweiter Spaziergang (Teil 1)


Als sie beide zu Hause angekommen waren, die Nacht war jetzt vollständig hereingebrochen, es war wohl kurz vor Mitternacht, dachten sie jeder für sich über den Abend und die Lichtung nach. Vor allem dachte Friis über das nach, was Julés gesagt hatte: Ein Vogel sein? Fort fliegen? Und dann? Was würde aus Julés Vater? Vielleicht hatte Julés sich das alles ein bisschen zu einfach vorgestellt. Einfach losfliegen? Was würde aus mir? Was würde aus gemeinsam im Wohnzimmer sitzen und frisch gepflückte Früchte essen? Was aus… Je mehr Friis darüber nachdachte, desto mehr fühlt Friis einen Schmerz irgendwo in der Brust (So ein Schmerz war das, den man nicht genau bestimmen kann. Man hat sich nicht weh getan, er ist einfach da, du weißt nicht genau wo, oder woher er kommt). Vielleicht war es Angst. Angst Julés wäre eines Tages einfach fort? Nein… Friis beschloss schließlich nicht weiter darüber nachzudenken,  ging ans Fenster und schaute in die Richtung, in der Julés Haus stand (sehen konnte man es nicht, dafür wohnten sie doch zu weit auseinander) und überlegte, an was Julés wohl gerade dachte.


Mittwoch, 16. März 2016

Kapitel 2: Die Lichtung (Teil 2)



Und dann plötzlich staunte Friis. So, dass Mund und Augen weit offen blieben (ein Glück, dass alle Fliegen schon schlafen waren, sonst wären sie sicher in Friis Mund geflogen, so weit offen stand er). Sie waren durch zwei große Laubbäumen hindurch gegangen und standen nun auf einer großen moosbewachsenen Lichtung. Der Mond, der mittlerweile über dem Wald aufgegangen war, tauchte alles in ein träumerisches Blau und die Sterne funkelten, wie unzählige Kerzenlichter auf einem großen schwarzen Tuch. In der Mitte stand ein großer Baumstumpf, ansonsten war alles kräftig grün bedeckt durch das dicke Moos, das keinen Zentimeter Waldboden mehr zu sehen ließ. „Und es ist sogar Vollmond“, meinte Julés zu dem Himmel und den Sternen aufschauend, während Friis, aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommend, sich in das weiche Moos setzte (denn ihr müsst wissen, so ein zauberhafter Ort, war vermutlich nicht einmal das ‚Paradies‘ aus der Geschichte ihrer Großeltern, und wenn er es doch war, dann wussten Friis und Julés ja nichts davon). „Hier komme ich öfters hin, wenn ich mal alleine sein mag. Ich habe die Lichtung gefunden, als ich für Vater Holz holen war. Hier fühle ich mich ein bisschen wie ein Vogel, so frei und mit dem weiten Himmel direkt über einem – nur ist man trotzdem von Bäumen umgeben“, fügte Julés am Ende mit einem etwas traurigem Lächeln hinzu. „Wärst du gerne ein Vogel, Julés“, fragte Friis. „Ja. Du nicht? Dann könnten wir über die ganze Welt fliegen, es gibt bestimmt noch mehr solcher wunderbaren Orte, die wir sonst niemals sehen würden. Meinst du nicht auch? Und außerdem fühle ich mich im Dorf oft so, wie in einem ganz engem Zimmer. Immer soll ich tun und machen ‚was sich so gehört‘, dabei würde ich gerne einfach wegfliegen und machen, was ich mag.“ „Hm, schon, aber was ist mit deinem Vater, würdest du ihn nicht vermissen?“ „Ich weiß es nicht“, antwortete Julés nachdenklich und eine kleine Träne kullerte aus dem Auge die Wange herunter. Doch dann breitete Julés plötzlich beide Arme aus, wie ein Vogel und rannte lachend durch das Moos und kreuz und quer über die ganze große Lichtung. Friis stimmte ein und so rannten die beiden hin und her, so schnell ihre Beine sie trugen, bis sie endlich erschöpft auf den Waldboden vielen. Julés nahm Friis Hand und sie schlossen ihre Augen. Über ihnen schien immer noch der Mond und tauchte alles in ein träumerisches Blau.

Freitag, 4. März 2016

Kapitel 2: Die Lichtung (Teil 1)


Als die Geschichte zu Ende erzählt war, tranken die beiden noch ihren Tee aus, aßen die übrigen Früchte und machten sich auf den Weg, Julés nach Hause zu bringen. Normalerweise ging Julés den Weg alleine, aber Julés meinte es wäre schön noch ein Stück zu spazieren. Sie gingen also durch die Tür nach draußen und an die frische, leicht kühle Spätsommerluft. Es fing schon an dunkel zu werden, die Sonne war über den Hausdächern kaum noch zu sehen und der Himmel war getränkt in einem schön anzusehenden Rosa. „Komm, ich zeig dir noch was“ meinte Julés und nahm Friis bei der Hand. Zu zweit gingen sie zuerst die Straße, dann einen Feldweg entlang aus dem Dorf und Richtung Wald. Hier außerhalb der Häuser war es noch etwas kälter und die Sonne war nun ganz verschwunden, nur die letzten Strahlen brachen noch durch den am Horizont leicht bewölkten Himmel hindurch, aber die beiden liefen dicht beieinander und so war ihnen gar kuschlig und warm. Das Gras auf den Feldern wehte im leichten Wind und der immer näher kommende Wald hatte beinahe etwas Bedrohliches an sich. „Wo gehen wir hin?“ „Psst. Es ist so schön ruhig gerad, nicht mal die Vögel oder die Grillen machen einen Ton. Warte nur ab.“ Als sie den Wald betraten und die trockenen Zweige und ersten Laubblätter unter ihren Füßen raschelten wurde es ganz finster und Friis rückte noch ein Stück näher an Julés heran. Julés wusste wohl genau, wo es lang ging, und zu zweit machten sie ihren Weg durch die dicht stehenden Bäume und Sträucher hindurch. 
Und dann plötzlich staunte Friis. So, dass Mund und Augen weit offen blieben (ein Glück, dass alle Fliegen schon schlafen waren, sonst wären sie sicher in Friis Mund geflogen, so weit offen stand er).