Mittwoch, 3. Dezember 2014

Der große Baum



Es war einmal ein großer Baum. Er war sehr alt, der älteste von allen in seinem Wald. Wie er da auf der Lichtung stand und seine prachtvollen Blätter das goldene Sonnenlicht tief-grün brachen, war er so unglaublich schön anzusehen.
Im Frühling brachen aus den Knospen der vielen tausend Zweige die unglaublichsten Blätter in allen erdenklichen grün Tönen hervor, die sich über den Sommer hinweg in rot-gelbe Schönheiten verwandeln sollten, bis der Winterfrost sie zu Boden wirft und sie nach den vielen kalten Nächten wieder erneut sprießen. Die Vögel sangen ihre Lieder über diesen Baum. Über jedes einzelne Blatt gab es eine Geschichte. Jeder andere Baum, jedes Tier im Wald, jede noch so kleine Pflanze kannte die Lieder und Erzählungen.
Auch diesen Frühling brachen aus jeder Knospe die schönsten Blätter hervor und zu jedem Blatt flog ein Vogel und verbreitete die Geschichte und jedes einzelne wurde im ganzen Wald bekannt, als eines der Blätter des großen, alten, weisen Baumes. Nur eins, ein etwas zu klein geratenes, an der Spitze der Baumkrone hängendes Blatt wurde von keinem Vogel besucht, seine Geschichte wurde nicht verbreitet, stattdessen blieb es allein und klein… Die anderen Blätter lachten, wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben, grenzten es aus, ließen es allein sein. Doch es war nicht des Blattes Schuld, es ist niemals deine Schuld.
An einer besonders stürmischen und regnerischen schwarzen Sommernacht peitschte der schwarze Wind heftig gegen die Äste des Baumes, riss die Zweige hin und her, Blitze tobten am Himmel, immer stürmischer, immer fester riss der Wind an dem Baum, bis die ersten großen Blätter davon flogen und die nächsten, hinfort durch die schwarze Nacht, bis schließlich am nächsten Morgen nur noch das kleinste, das traurige, von allen ausgeschlossene Blatt einsam in der leichten Brise hin und her wehte. Die anderen Zweige fingen an so verbittert um ihre Blätter zu weinen, geknickt und kraftlos.
Doch dann tat sich mit einem mal ein kleines Loch in den Wolken auf und als die Sonnenstrahlen auf das einsame Blatt trafen, wuchs es und färbte sich so schön und golden, wie noch nie ein anderes zuvor. Schon bald flogen und sangen die Vögel um es herum und vor Glück und noch nie gespürter Liebe durchströmte mehr und mehr Kraft das Blatt, bis die Energie sich durch den ganzen Baum ausbreitete, in die Spitze jedes noch so kleinen Zweiges, wo sogleich neue Knospen und aus ihnen neue golden-grüne Blätter sprossen, glücklich, froh und dankbar.
Von da an sangen die Vögel die Geschichte von nicht einem, sondern dem Blatt des großen Baumes.

--- ENDE ---

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