„Im Glauben woran? In der Liebe wozu? In der Hoffnung
worauf?“ diese Fragen mir zu beantworten, fällt es mir am leichtesten, wenn ich
auf dem Kopf gehe. Dort ist die Luft besser und die Hitze steigt einem nicht so
zu Kopf, wie es sonst ist, da die Wärme stets nach oben weicht. Nur ist es so
mühselig den niederen Kreaturen (auch denen vernünftigen)
auszuweichen, über die ich sonst hinweg gehen würde. So finde ich für dieses
Problem keine Lösung, aber doch scheint es mir angenehmer und sinnvoller, ich
ginge auf dem Kopf.
Einige Wahrheiten habe ich vernommen, die mein verkopftes Laufen
hervorbrachten, die mich innerlich zerreißen, mich fragend machen, wieso
rücksichtnehmen auf Kreaturen, die mir nun so niedrig, so ekelhaft, ja so widerlich
und garstig erscheinen, eben weil sie diese Wahrheiten nicht erkennen und doch
am schlimmsten sind solche, die gar keine Wahrheit neben dieser haben, denn die
anderen haben wenigstens etwas an sich, dass man greifen kann, wenn man mit
ihnen kämpft, sie haben etwas zum Zerstören, die Niederen haben nichts; worin
steht nun denn ihr Wert?
Eigentlich sind die drei großen Wahrheiten bei Nietzsche zu
finden und insbesondere in diesem einen Satz „sie machen ihr tägliches
Tick-Tack und wollen, dass man es Tugendheißt“. Welch ein Satz! Solch Sätze
müssen seziert und dann geküsst, werden; gleich den schönsten Leichen.
Die erste Wahrheit ist also „Auf welchem Standpunkt der
Philosophie man sich heute auch stellen mag: von jeder Stelle aus gesehn ist
die Irrthümlichkeit der Welt, in der
wir zu leben glauben das Sicherste und
Festeste, dessen unser Auge noch habhaft werden kann.“ Dies ist die Folge,
dessen, dass die Menschen, bei was ich sie auch beobachte, tun und reden ohne
voll und ganz hinter demselben zu stehen, nicht etwa aus mangelnder Überzeugung
(diese Überzeugung ist ja ihr übel) sondern aus mangelndem Wissens um die
Sache. Wie könnte daraus in der Welt eine andere „erste Erkenntnis“, eines
anderes „fundamentales Wissen“, gefunden werden außer diesem. Diesen Fehler
beging schon Descartes. Wir nehmen also an, dass man von einer Sache entweder
etwas weiß, dann ist das eine Wahrheit, oder etwas nicht weiß, dann ist die
Überzeugung, die man von der Sache hat ein Irrtum. Die Menschen wissen nun
nicht mehr, was sie tun, denken und reden, also kann man, den Irrtum in der
Welt am einfachsten finden, da es nahezu nur diesen gibt. Wieso nun wissen die
Menschen nicht mehr, was sie tun, denken und reden? „Woher sollte ich denn
Wissen was Wahrheit ist?“ „Du hast Recht, du konntest es nicht wissen, du hast
an Gott geglaubt!“ und „Woher sollte ich denn wissen, was Wert hat?“ „Du hast
Recht, du konntest es nicht wissen, du hast an den Warenwert geglaubt!“. Hier
findet sich alle Antwort wieder. Das sich zweiteres noch hält ist nicht anders möglich,
ersteres aber ist unbegreiflich: das Gott tot ist wurde vor 100 Jahren zuerst ausgesprochen,
dass die Phrase so oft wiederholt wurde, ist, weil sie noch nicht begriffen
wurde, deshalb kann man sie nicht oft genug predigen: Gott ist tot. Befreit euch von ihm, er kann euch nicht mehr helfen! Doch Gott ist nicht tot, er ist wiedergeboren
in dem zweiten Fragenden, der heutzutage beispielhaft für doch den Großteil derer
fragt, die nichts wissen. Wie können sie auch, sie sind gleich Kindern aus
katholischem Haushalt. Denn der katholische Haushalt überspringt das Kind in
den Kindern. Die „Dialektik der Aufklärung“ hat es wohl am meisterhaftesten
beschrieben, die Rückkehr der Unvernunft, die Widergeburt Gottes, der wieder
angefachte Mythos, aus dem Krieger gegen den Mythos – Aufklärung – selbst heraus.
Die Kulturindustrie war wohl das am besten gewählte Beispiel um dies zu
veranschaulichen. Befreit euch also von beidem Göttern, den des Christentums
(oder wie man ihn sonst nennen will) und den des Kapitalismus, denn beide sind
Glaube, Religion, Ideologie, Irrglaube – so wie jeder Glaube Irrglaube ist.
Die zweite Wahrheit heißt hier „Jenseits von Gut und Böse“,
dort „das Sein bestimmt das Bewusstsein“ oder sonst wie. Jede Wahrheit, jede
Überzeugung, Moral und Sittlichkeit sind gesetzt. Gesetzt von der zu dieser
oder jenen Zeit herrschenden Klasse. Das dies der Fall ist, liegt so sehr auf
der Hand, wie die Haut, welche dieselbe umspannt. Wir sehen doch wie Gut und
Böse, schlecht und recht, Sonne oder Erde, oder welche Wahrheit oder
Überzeugung, welches moralische oder sittliche Gesetz auch immer man wählt, von
Zeit zu Zeit, so unterschiedlich wahr, wie der Tag und die Nacht. Jedem
Verurteiltem von heute, wäre vor 100 Jahren ein anderes und vor 1000 Jahren
wieder ein anderes Urteil zugekommen, gut galt man hier als Sklavenhalter, dort
als reicher Man, hier als der, welcher seine Kinder schlägt, dort als der, der
sie liebt, die Beispiele erschöpfen alle Tintenfässer der Welt und es ist mir
so unbegreiflich, ein so zerstörenden Gedanke, wie das nicht begriffen werden
kann. Glauben diese Menschen allen Ernstes, so wie heute sei die Welt, weil so
ihre wahre Wahrheit aussieht? Das die Welt, so wie sie ist, der wahren Natur
des Menschen entspricht? Woher nehmen sie diese Überzeugungen? Etwa, weil sie
es nicht anders kennen? SCHAUT EUCH DOCH UM! Es ist mir unbegreiflich! Es
zerrreißt mich. Vor niemandem schäme ich mich so fremd, als vor dem Menschen!
Wenn nur ein Mensch dies annimmt und erkennt, dass diese Welt eben nicht ist, was sie ist, dann sollte er
aufspringen, sollte sich zur Sonne recken und Sagen: „diese Welt soll sterben,
wie sie ist! Sie soll aus ihren Fugen fallen. Sie ist verkehrt, krank, von Gott
besessen, von Irrtum, Gefälligkeit und Müßiggang zerfressen, sie ist schmutzig,
und ekelhaft. Wir müssen gleich Kindern den Menschen schälen, bis sein
innerster Kern zum vorscheinkommt. Wir müssen den ewigen Satz „immer gleich
aber irgendwann besser“ überwinden, wir müssen das Gefäß auf den Boden
schmeißen, bis es zerspringt, alles einschmelzen und von vorne beginnen. Sie
sezieren. Aber niemals uns SO zufrieden geben. Wie konnten wir nur? Ich will
sündigen - würde es helfen - für jede Arbeit die ich für diese Welt erhob, für
jeden Stein, den ich in den Palast eines anderen hievte, denn es war nie zu
gutem Grunde, als wenn ich es für mich und den Menschen tat, für jedes
gesprochene Wort, aus dem es ‚Anpassung‘ schrie. Ich will wieder Kind sein!“.
Dass die Menschen so nicht aufspringen lässt mir nur eine Erklärung: sie
erkennen es nicht. „Sie machen ihr tägliches Tick-Tack und wollen, dass man es
Tugend heißt“.
Die dritte Wahrheit ist meine neues: „wir sind Entdecker und
wollen, dass ihr alles neu entdeckt!“. Und jetzt bin ich des Schreibens Müde. Es
ist schwierig, eine Tautologie, immer und immer wieder erklären zu müssen. Denn
eine Tautologie bedürfe keiner Erklärung.
Unterzieht mich eurer heftigsten Kritik.
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