Mittwoch, 31. Mai 2017

Der Mensch und die Narrheit




7. Auftritt
Ein Garten. Mo alleine auf einer Bank.

MO: Der Mensch ist ein Narr. Der Mensch taumelt so durch die Welt und schafft sich hohe Ideale. Der Mensch ist ein Gott, der die Welt seiner jeden eigentümlichen Narrheit immer fort aufbinden will. Ja er hat gutes Recht sich selbst zum Narren zu halten. Das waren schon immer die großen Geister, die ihre Narrheit sich gut züchteten und gedeihen ließen. Aber er hat kein Recht sich Narren zu halten. Das ist aller Welts Übel. Die Narrenhalter, die ihre selbst- oder abgeguckten Idealen den anderen aufbinden. Dabei nennt mir doch einer ein Ideal, welches geradesteht. Keines? Nicht auch ein einziges? Euch fällt keines ein? Es schallen mir laute Winde entgegen, die das Sprechen verlernt haben, wollen sie mir antworten. Nicht mal unserer aller höchstes „du sollst nicht töten“. Oder könnt ihr es mir begründen? Wer sagt mir, dass ich nicht töten darf? Gott ist tot, wer außer ihm hätte es begründen können. Nun da der Mensch sich Gott geworden ist, läuft Gott zu Millionen durch die Straßen, mit der Narrenkappe auf dem Kopf und gelben Strümpfen an den Beinen und meint er sei noch derselbe. Und wenn es einmal ein Haufen Narren geschafft hat, sich zusammen zu rotten und gemeinsam zu flüstern: du sollst arbeiten, du sollst heiraten, tuen bald alle es ihnen gleich. Dann machen sie von Neuem ihr tägliches ticktack und wollen, dass man es Tugend heißt. Der Mensch hält sich gerne Narren, aber noch lieber dient er eines Anderen Narrheit, es ist gemütlicher. Aber ich gebe nichts auf eure Arbeit. Ich gebe nichts auf eure Heirat. Ich bin mein eigener Narr. Hatten wir einen waren Großen, der keiner war?
Nur noch einmal soll gemeinsam geflüstert werden: nieder mit aller Moral, mit allem Gesetz, mit aller Sittlichkeit! Auf dass von dann an, jeder für sich selbst rufen kann. Und die Rufe werden so viel klüger, kräftiger und schöner klingen ohne ihr ticktack im Hintergrund. Was war ein Gedicht von Goethe doch so viel größer als alles Geflüster über das Volk? Was war ein Ton Beethovens doch so viel größer all ihr Geschwafel von Sittlichkeit, Moral, Tugend und Gerechtigkeit?  
Nein, die Revolution zeigt wahrlich keine Größe, die Revolutionäre umso weniger, aber die Menschen, die ihr entspringen, werden die größten sein. Sie werden den Menschen überwunden haben. 

(Preview: "Die goldene Halskette", Jan)