Sonntag, 17. November 2013

(Wieder)sehen



"Ich muss ihn noch fragen, er ist noch im Schlafanzug." 

Wir warten. Stehen im Korridor, Jacken und Schuhe noch an. Ein eigentümlicher Geruch. Fühlt sich komisch an wieder? hier zu sein. War ich schon mal wirklich hier? Hab ich ihn vorher wirklich wahrgenommen? Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht.

"Kommt hoch". Seine Mutter steht an der Tür noch oben. Wir folgen ihr, der schmalen Treppe.  Schuh ausziehen. Jacke ausziehen. Endlich, mir ist warm. Desinfizieren. Dann, die Tür zum Wohnzimmer. Offen. Da sitzt er, dünn, nur wenige feine schwarze Haare. Er sitzt auf einem Sofa, sein Kopf berührt fast die Dachschräge. Er guckt uns an. Ohne zu lächeln. Nur in seinen Augen sieht man diesen Schimmer, Schimmer der Freude wieder Menschen um sich zu haben, junge Menschen, Freunde. 

Die Bilder auf dem Laptop, gezeigt von seiner Mutter, erschrecken. Er erzählt, wie es war. Ich trinke kalten Apfelsaft mit Wasser. Höre ihm zu. Berührt. Beschämt, von mir selbst, wie wenig ich gemacht habe. Wie wenig ich ihn unterhalten habe. 

Wir gehen wieder, ziehen unsere Sachen an. Die Tür fällt hinter uns ins Schloss. Tschüss. (Bis bald)

Sonntag, 10. November 2013

Schwarz Weiß

Schritte hinter mir, beeilen sich aufzuholen. So schön der kühle Wind, Laubblätter, laute Musik, allein sein.
"Mochtest du ihn?". - Seine Stimme, schon nach drei Wörtern nervend. "Ja." - Meine Antwort, hinter der noch so viel mehr steckt: Sympathie, Verstehen, Dankbarkeit, Traurigkeit. So viel mehr. - Ja, ich habe ihn gemocht.
"Steven hält n rede. Muss ich mir geben.". Ich nicke, wünsche mein Nicken wäre sein ersticken. Arschloch!

Wir betreten die Kirche. Das dumpfe Hallen unserer Schritte, der Stimmen findet seinen Weg zu mir. Ich finde meinen Weg nach vorne. Setze mich. 6. Reihe. In schwarz gekleidet betritt einer nach dem anderen das Gebäude, kniet kurz auf dem Boden, setzt sich. Ich gucke nach vorne.

Der Pfarrer beginnt, spricht Worte der Liebe, der Trauer. Zu den Angehörigen, den Lehrern uns Schülern. Spricht in dieser ruhigen, tiefen Stimme, über Windhauch. Vergänglichkeit.
Der Musikkurs fängt an zu singen. Jael und Charlottes Stimmen, die gesungenen Töne in meinem Ohr nur verzerrt zu hören.
Sein Bild vorm Altar starrt mich an. - Wieso schwarz weiß?! Mir steigen Tränen in die Augen, mein Körper bebt, beiße mir auf die Lippe, schmecke Blut. Und wieso immer schwarz statt weiß? Wieso?!

Die Messe ist zu ende. Die Leute stehen auf, nicken noch einmal, drehen sich um und gehen, vergessen? Ich laufe nach vorne. Langsam. Ein Schritt nach dem anderen, jeder Tritt hallt. Sein Bild in meinen Augen, umgeben von Menschen steht er da, trägt seinen roten Schal. Hier in schwarz weiß auf kaltem Stein, einige Blumen neben ihm, doch kein Mensch sieht ihn.
Ich trete ganz nah. Versuche diesem Bild in die Augen zu schauen, mir seine Stimme vorzustellen. Heiße Tränen fließen, tropfen in Tropfen herrunter. Eine warme Hand auf meiner Schulter. Dreht mich um. "Sollen wir dich mitnehmen?" - Charlotte schaut mir in die Augen. Ich vergrabe mein Gesicht in ihren Haaren.
"Ja, bitte".

Freitag, 1. November 2013

"Verpiss dich einfach! Hau ab!". Die Lichter und der Bass von der Kerb, dringen noch zu uns herüber. Es ist dunkel, kalt. Unser Atem steigt in weißen Schwaden vor uns in die Luft.
"Ich knall dich ab! Ich knall dich ab!", Max Stimme dringt hallend an mein Ohr, sein Gesicht nass von dem Regen, seine Haare hängen ihm in die roten Augen. Er schreit, wütend, weinend. "Ich will deine Stimme nicht mehr hören! Du Arschloch! Du kleiner - ", ihm fallen keine Worte mehr ein, schreit einfach nur noch in die Nacht, hält seine Waffe auf Tom.
Ein Windstoß. Die herbstlich rot goldenen Blätter fliegen durch die Luft, an uns vorbei. Auch meine Kleidung und Haare sind schon durchnässt, kleben nass an meiner Haut. Ich stehe da, zitternd, Versuche A. hinter mich zu halten, sie zu verstecken. Vor Angst unfähig irgendetwas zu tun.
"Wieso musstest du das tun? Wieso konntest du nicht einfach nach Hause gehen? Ich kann doch nicht anders!" Seine letzten Worte, geschrienen, verdrängen kurz das Geräusch des Regens. Ohne nachzudenken mache ich einen Schritt. Nach vorne. "Lass ihn, Max, bitte. Bitte lass ihn, hör auf, bitte", ruf ich meine Stimme zittert, wie mein Körper vor Kälte und vor Angst.
"Du hast sie angefasst! Du hast sie einfach gefickt! Ich hasse dich". Seine Stimme überschlägt sich, seine Worte vor schluchzen kaum verständlich. Mich ignoriert er einfach, richtet seine Pistole weiter auf Tom und schaut ihn mit diesen hasserfüllten roten Augen an.
Mein Körper füllt sich schon wieder mit schwerer dickflüssigen Angst, hält mich fest, lässt mich nicht weiter gehen, klebt meinen Kiefer zusammen. Hinter mir höre ich A. weinen.
"Ein sonderbares Ding um die Liebe", die Worte verlassen langsam meinen Mund, ich weiß selber nicht, was ich da gerade tue, aber irgendwas muss ich ja machen.  Zum ersten Mal wenden sich diese Augen ab und blicken auf den Boden. "Da liegt man ein Jahr lang Schlafwachend zu Bette - und an einem schönen Morgen steht man auf, zieht seine Kleider an, trinkt ein Glas Wasser und fährt sich mit der Hand über die Stirn und besinnt sich"
Langsam sänkt sich sein Arm. Der Regen ist stärker geworden, die schweren tropfen platzen laut auf den Autodächern auf.
"Und besinnt sich", meine Stimme gerade laut genug um sie zu verstehen, zittrig, zerbrechlich.
Max Züge entspannen sich, sein Arm hängt zur Seite, die Waffe immer noch in seiner Hand, doch seine Finger greifen nicht mehr feste zu, ganz locker. Er weint leise.
"Es tut mir Leid", flüstert er, seine Augen starren auf den Boden, als würde er sich festhalten, beim Wegsehen, den halt verlieren. "So Leid."
Die Spannung fällt von mir, ich atme auf. "Leg einfach dieses Ding - " Zwei schnelle Bewegungen. Sein Arm hebt sich. DiePistoleDerLaufSeinKopf. Bang.


Es tut mir Leid, dass ich so lange nichts mehr geschrieben habe, ich bin einfach nicht wirklich dazu gekommen.
 Diese Geschichte ist erfunden, ich bin heute zum Bahnhof gelaufen und sie hat sich so in meinem Kopf abgespielt...